Sonntag, 5. November 2017

Die Freiheit im Gegenüber - Mein Brief an Deniz Yüzel

05.11.2017

Hallo Deniz

Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind oder was Sie interessieren könnte.

Die Aktion mit den Briefen erlebe ich eher so, wie Steve McQueen und Dustin Hoffman im Film Papillon – man findet sich zu zweit, um nicht durchzudrehen. Sie können wählen, einer ist Sie, der andere ist der Brief. Welcher schaut also finster, verkniffen und auch  geblendet (Queen in der Einzelhaft) oder dümmlich abgetreten durch die später kaputten Gläser (Hoffman, der Gärtner)?


Um dem Wahn zu entweichen, um selber als Lebewesen ein Sein zu haben, benötigt die Lage ein Gegenüber.


Obwohl ich Robinson Crusoe nie gelesen habe, meine ich auch dort die Idee des Gegenübers in der Figur Freitag zu erkennen. Ob dieser nun real ein Mensch war oder eine gebastelte Puppe mit einer Kokosnuss als Kopf, mehr so eine Vogelscheuche, spielt eigentlich keine Rolle. Um dem Wahn zu entweichen, um selber als Lebewesen ein Sein zu haben, benötigt die Lage ein Gegenüber. So meine Gedanken. Ich könnte mir vorstellen, dass jede Möglichkeit zum Kontakt dann dankbar ist, selbst das Gefängnispersonal. Wovon ich gar keine Vorstellung habe: Wie es dort riecht und wie laut es ist. Für den Rest habe ich ein resilientes Wesen für Bilder vorm inneren Auge.

Deniz Yüzel ist seit mehr als 200 Tagen gefangener Journalist. Lange Zeit unterlag Deniz Yücel im Gefängnis Silivri einer faktisch vollständigen Postsperre. Mittlerweile erhält unser Korrespondent vereinzelt Sendungen. Aber nicht alle. Nach welchen Kriterien die Gefängnisleitung Post an ihn weiterleitet, wissen wir nicht mit Sicherheit. Aber es scheint, als hätten Mitteilungen auf Türkisch bessere Chancen, ihren Adressaten zu erreichen. Mailen Sie darum bitte Briefe für Deniz an folgende Adresse: schreibdeniz@weltn24.de. Wir lassen alle Briefe an ihn übersetzen und schicken sie ihm.

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Vermutlich schreibe ich aus einem eigenen Bedarf. Ich bin leicht hochbegabt und gerate in Ansätze einer Depression, wenn ich intellektuell unterernährt bin. Ich schalte um 00:15 Uhr den Fernseher an, der mir aktuell ca. 120 Programme anbietet (von ca. 800), auf welchen ich etwas ansehen könnte – nichts. Nicht ein Kanal bietet Stoff. Kein Plot, kein schlaues Interview, kein Kabarett, nichts. Nach etwa 300 Folgen ‚Law & Order‘ kann ich zusehend ganze Text- und Handlungspassagen konzeptionell vorausdenken und intonieren, ich puffere also eigene Daten, weil ich die Machart durchschaut habe und es mich langweilt.

So schreibe ich. Blogs, Internetbeiträge, Websites, Texte. Ich bin der Produzierende, wie jetzt gerade auch, wo ich die Gelegenheit irgendwie ‚brauche / nutze / missbrauche‘ Ihnen zu schreiben. Was ich nicht bin, kaum oder zu selten, ich bin nicht der Erhaltende. Ich habe kaum einen Menschen, der mir ein Gegenüber ist. Ist halt so. Ich hatte nach einem Städteumzug dieses Frühjahr hier am neuen Ort einen, einen Diamanten als mein Gegenüber. Er starb nach vier oder fünf Monaten Freundschaft an einem Herzinfarkt. Weg, erneut, das seltene Gegenüber.

Dazu arbeite ich als Coach. Ich kann weder von den Klientengesprächen erzählen, noch mit interessanten Klienten näher im Kontakt sein. Da ist professionelle Distanz zu wahren. So betrachtet: Der Klient kriegt die Aufmerksamkeit – dass ich nach den Settings welche bräuchte, …. das frisst die Deutsche Bahn oder die A5 nach Frankfurt. Fahr, guck, dass du nach Hause kommst.

Ich bin manchmal an der Stelle, wo sich etwas in mir weigert, noch ein  Buch zu lesen oder noch eine Weiter- oder Ausbildung zu machen, bloß um mich gedanklich auf Trab und in einer angeregten Reflexion zu halten. In der institutionalisierten Lerngruppe besteht wenigstens ab und zu der Auftrag, sich mir zuzuwenden. Aber schreibe ich zum Beispiel eine meiner Reflexionen, kriege ich eine Anzahl Likes, Herzchen, bei XING ein dämliches ‚Interessant‘. Aber jedes Signal von „toll“ ist für mich eher ein kleiner Tod. Denn die Bemerkung oder das positiv besetzte Icon ist keine Reflexion, weder die der Lesenden, noch eine auf die Sache bezogene, noch eine an meiner Reflexion. Niemand fragt etwas zurück, niemand schreibt, wie es ihr oder ihm mit den Gedanken geht, die notiert sind.

Zur Zeit lese ich aus einem Empfinden von Not von Byung-Chul Han das Buch ‚Psychopolitik – Neoliberalismus und die neuen Machttechniken‘.  Er schreib dort – ich zitiere:

<< Die neoliberale Psychopolitik erfindet immer raffiniertere Formen der Ausbeutung. Zahlreiche Selbstmanagementworkshops, Motivationswochenenden, Persönlichkeitsseminare oder Mentaltrainings versprechen eine grenzenlose Selbstoptimierung und Effizienzsteigerung. Sie werden von der neoliberalen Herrschaftstechnik gesteuert, die darauf abzielt, nicht nur die Arbeitszeit, sondern die ganze Person, die Aufmerksamkeit, ja das Leben auszubeuten. Sie entdeckt den Mensch und macht ihn selbst zum Gegenstand seiner Ausbeutung.

Der neoliberale Imperativ der Selbstoptimierung dient allein einem perfekten Funktionieren im System. Blockierungen, Schwächen und Fehler sollen wegtherapiert werden, um die Effizienz und Leistung zu steigern. Dafür wird alles vergleich- und messbar gemacht und der Marktlogik unterworfen. Keine Sorge und das gute Leben treibt die Selbstoptimierung voran. Ihr Notwendigkeit ergibt sich allein aus systemischen Zwängen, aus der Logik des quantifizierbaren Markterfolges.>> 

Byung-Chul Han. Das Kapitel trägt den Titel: Healing als Killing.

Schon mal aufgefallen, dass in XING niemand mehr Persönliches schreibt: keine Meinungsbeiträge, keine Statements, keine Gegenmeinung, keine Diskussion, keine Provokation, bloss keinen Witz, nix. Seit wenigen Jahren das Gegenteil, was ich noch 2007 erlebte, als wir dort nächtelang durchschrieben, in 3-5 Threads gleichzeitig, und der Server Postings chronologisch nicht mehr korrekt einfügte, weil zu viel gleichzeitig eingetragen und abgesendet wurde. Heute ist da Grabesstille. Aus Gefälligkeit, angetrieben aus der Selbstoptimierung, genau jene alte Form von Angst, die man von Schülern kennt, die niemals die Hand hochhalten, wenn sie nicht mit „3000-prozentiger Sicherheit die richtige Antwort wüssten“. Wer heute aus den geringsten Gründen von Befürchtungen, also Angst, sich nicht mehr äussert bzw. schweigt, ist bereits Gefangener. Und so ist es keine wirklich andere Gefangenschaft in Mundtotgemachtsein, nur äusserlich komfortabler. Aber der Hang zum Gewinn lässt Menschen still werden - dass für dieses Gewinnschweigen, dieses Flutschen, jede lebbare Freiheit abgelassen wird, auch die jener, die diese noch leben möchten, wird gleichzu damit verschwiegen. Hier draussen besteht Freiheit in Zwangspausen, Stau oder Krankschreibung sind solche.


Wer heute aus den geringsten Gründen von Befürchtungen, also Angst, sich nicht mehr äussert bzw. schweigt, ist bereits Gefangener.


Ich kann keine Vorstellung davon haben, wie belastend und hässlich jeder einzelne Tag im Gefängnis sein muss. Es ist einfacher, die dreckigen Slips aus einer Bukowski-Story vorm inneren Auge zu riechen, als eine Ahnung zu haben, biopolitisch den Souverän als Mensch und Person verloren zu haben (Agamben). Das stinkt vermutlich übler als jede Form von Exkrement. Man stinkt vor Angst, weil das Gegenüber keines sein will - Es ist viel mehr ein Über-dich, Brazil. 

Das sind ja jetzt meine Worte, meine Gedanken, meine Bilder und meine Projektionen. Ich wusel im Leeren und kenne weder Sie, noch Ihre Lage.

Wenn hier draußen, im Luxus des Konsums, der warmen Wohnungen und fetten Karren niemand dir mehr eine Antwort zur Reflexion hinzufügt, etwas ‚beiträgt‘, wenn einfach glattes Schweigen jede pragmatische Option bis hin zu „Kopf ab“ oder „Daumen runter“ offen lässt, wenn sich in dem Schweigen niemand mehr zeigt, sitze ich in Freiheit in ähnlicher Gefangenschaft und stinke nach Ängsten des Ungewissen, denn hier richtet mich kein Gefängniswärter, hier richtet mich ein Standardentscheid der Krankenkassenprozesse oder die Onlineplattform für eine neue Stelle. Es geht, bei allem Getöse, alles ganz leise und ohne wirkliche Antwort in der Auskunft ab. Kontaktlosigkeit ist das Gebot.

Es ist für mich, so jedenfalls mein Empfinden, unheimlich schwierig, mich an eine Stelle zu denken und mich dort spürbar zu fühlen, die noch „außerhalb“ dieser gesellschaftlichen Entwicklung, Form einer unsichtbaren Käseglocke, heute als Netz der allgegenwärtigen Datenantennen, läge. Ich bin mehr in der Matrix gefangen, in jenem Bild, in welches Jill Layton und Sam Lowry mit dem Riesentruck fahren, einer Wahnvorstellung von Naturparadies, um sich dem Schrecken seelisch zu entziehen. Immer wieder stoße ich dann, so betrachtend, auf Handkes Satz: <<In der Traurigkeit das Bedürfnis, schön angezogen zu sein.>>

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Chomsky verfasste diesen Sommer den Gedanken, dass Sprache nicht zur Kommunikation diene. Er beschreibt, wie wir uns stets leicht verfehlen. Wir treffen nicht aufeinander. Aber genau da, wo wir uns nicht treffen, in diesem Zwischenraum, der angereichert ist von beider Seiten Botschaften, dort entsteht sozusagen aus dem Missverständnis Neues. In diesem „fehler-„besetzten Raum ist Freiraum für die Freiheit des Neuen.

Und genau dort, so meine Gedanken, muss es sein, wo Ihre Gefangenschaft sich aufhebt, wenn Sie ein Gegenüber finden, mit welchem Sie gedanklich und/oder gefühlt ‚sparkeln‘ können. Der Freiraum für eine Freiheit liegt mE im Gegenüber. Ist da niemand, werden wir krank und gehen zu Grunde. Ist es zu knapp oder zu mager, siechen wir und schnappen ständig nach Luft, wie ein Lungenkranker. Wir schwitzen Ängste des Bestehens. Und irgendwie könnte man es zumindest andenken, ist dann Ihre Gefangenschaft, der in einem Schweigen dieselbe, ob für Sie gerade elendig (meine Fantasie) oder hier im Komfort meines aktuellen Daseins (es ist sehr komfortabel).

Wenn ein Freiraum für eine Freiheit, ausser in der Kreativität und im Spiel, nur im Gegenüber entstehen kann, im unvereinbaren Raum beiderlei Botschaften, dem Bruch fürs Neue, dann kann das mein Beweggrund gewesen sein, Ihnen zu schreiben, dem Satz von mir gleich: "Ich bin mit Dir hier".  

Wieder das Gesicht von Hoffman, welcher durch zerbrochene Gläser ungläubig schaut. - Man muss mit seiner deonthologischen Haltung umzugehen wissen.

Von Herzen alles Gute – danke, dass ich die  Gelegenheit erhielt, zu schreiben.

Ach ja - was auch noch gilt: 

"Würde, nicht Ehre." - Jona Jakob, 2017

Jona Jakob, 55
Coach, Aschaffenburg





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