Freitag, 22. Februar 2008

Heute, als du anriefst, ...

Heute, als du anriefst, als deine Stimme den Tag klar machte, da fuhr ein Zug vorbei. Und heute, als das Eigene, Arbeit am Menschen, wirkte, da schwebten Gedanken im Blick auf mich. Lang ist's her als ich schrieb: Eis bewegt sich. Und nun all diese Veränderungen. Als würden für eine nächste Partie die Figuren aufgestellt. Wir waren erst noch wenige, die einfach nur noch leben wollten. Wohin daher des Weges?

Bild: (c) bei Jona Jakob, privat

Egal. Was könnte ich schon wissen, wohin, wohin? Jetzt, jetzt gerade wäre es einfach und gut und warm. Es wäre frei und leicht und es wäre Pause, wenn du magst. Setz dich hin, erzähl, lass weich werden. Lass dich sein in deinem Kissen und den angezogenen Beinen, deinem Glas in der Hand, Geschichten erzählend und während gefrorene Gräser dampfen, wo ein Hund sich trollt. Ein Zug, ein nächster, rollt.


Text von Jona Jakob, Februar 2008 - Copyright Jona Jakob ©

Dienstag, 11. September 2007

Blick über Zürich, 2007

Ihr holden Schwäne ... 

So fuhr er hoch, ein Stück Strasse am Hausberg, auch wenn ihn ein Signal davon abhalten sollte, doch gab es da ein Lokal, ein Stück weiter, und bis dort durfte er hochfahren. Vor der Mittagszeit zu liegen ermöglichte eine freie Wahl an Parkplätzen und eine noch leere Terrasse, an jenem ersten Tag des Herbstes, als er sich an frischer Luft zu ihr an den Tisch setzte.

Obwohl in ein Gespräch vertieft und zuhörend, empfand er wenig für den Blick über diese Stadt. Er sah den See, das Zentrum und Teile der ehemaligen Industriequartiere, in denen sich nun Internetmenschen das Leben teilten. Gegenüber die Technische Hochschule, der Berg mit dem Zoo und etwas weiter links davon jener Sattel, über den man zu weiteren Aussenquartieren gelangte und zum Flughafen.

Er selbst fuhr seine Stadtstrecken wie ein geübter Taxifahrer. Er lebte in dieser Stadt wie 'fliessender Strom', der an bestimmten Stellen Impulse auslöste. Diese sich wohl präsentierende und frisch haltende Urbanisierung an See, Fluss, Strassen und Häusern, an Geschäften, Unternehmen, Lokalen und Plätzen, welche sich zum Seeende hin über die Jahre etabliert und vergrössert hatte, welche wuchs und seit Jahren für weite Regionen zum verschlingenden Magneten, gleich einem schwarzen Loch, geworden war, spürte er kaum noch. Wenig Empfinden für diese Stadt, auf die er gerade hinab sah. Sie war wie ein voller Arbeitstisch, den er brauchte, doch ein Wohnzimmer war sie ihm nicht. Jedenfalls jetzt gerade nicht, da er in der Mitte seines Lebens stand.

Als Kind lernte er Flecken kennen, die wild waren und weit. Orte, an die man nur schwer gelangte und zu denen es damals noch keine Autobahnen und Telefonantennen gab. Die Läufe zu diesen Orten hatten kaum Namen, waren in Karten nicht eingetragen und wenn man ihre Wege nicht regelmässig passierte, überwuchs Dorngebüsch ihre Spuren. Alte Steine formten Ansätze von Mauern und Umrandungen, grosse Bäume reichten als Signale. Doch wo er gerade sass, da war alles erreichbar und nichts mehr geheim. Als er die Gesprächspartnerin nach dem Essen zu ihrem nächsten Termin entliess, verlor er keinen Satz und keine Nachfrage nach ihren Wegen, hatte sie doch eine digitale Strassenkarte, die ihr das Links und Rechts des besten Weges sprechend an Ohr und zum Auge brachte. Dabei war sie morgens in Deutschland gestartet, war hier nicht heimisch und hatte noch viele Ziele vor sich. Doch alles war "erreichbar", digital kontrolliert, unter einem unsichtbaren Netz von Satelliten- und Mobiltelefonquadranten, Sektoren der Antennen und Überwachung.

Der See lag ebenso unter Kontrolle von Uferzugang, Eigentum und Reglementierung, wie zu beiden Seiten die Hügel und der Stadtberg. Gepachtet, zugängig gemacht, gastronomisiert und mit Events marketingmässig aufgedrängt. Diese Stadt mit ihrem Verkehrsnetz war eine grosse Modelleisenbahn geworden, in der er kaum echte Lebensmittel für sein Dasein fand. Das Fliegen sollte geräuschlos werden, die Kommunikation sollte strahlenfrei bleiben, das Zusammenkommen sollte einem Nutzen dienen und das Zeitverstreichende dem volkswirtschaftlichen Geldkreislauf. Abenteuer? Wildnis? Unbekanntes? Das gab es nicht mehr. Letzte Gassen waren historisch erfasst, selbst in Aussenquartieren wurden geführte Rundgänge angeboten, gewisse davon geschlechterspezifisch getrennt, weil frau genau wusste, was mit dem Trennen erreicht werden sollte.
 
Und darauf blickte er, mittags, von dieser Terrasse, über dieser Fläche kontrolliertem Seins. Kampfzone? Wie lächerlich, einzig sich darum zu bemühen, unter einer Haube von Erreichbarkeit so zu tun, als hätte man noch Aufgaben. Die Kontrollen zwangen zum Erreichbaren, konkret wie moralisch. Man wurde geschubst, sich zu bewegen und sei es vom Ablaufen der Parkuhr her. Doch Wildheit, Unbekanntheit, Versteck und Alleinsein ... das gab es nicht mehr an diesem vielleicht interaktivstem Flecken einer auf Trab gehaltenen 'Reservierung'. Es war eine toll-bunte Tüte ... ihn aber plagte, dass sie keinen Inhalt mehr hatte. Vielleicht der Umstand erster Güte, auf die Wünsche und Hoffnungen aus dem Gespräch keine eigene inneren Antworten zu haben, die ein innerliches Aufbrechen gelockt hätten. Was zum Aufbruch bewegte, war ein Termin - die beiden Menschen klein machend, in seinem Zwang, und verhindernd - einem weitgehend verhindernd.


Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
 
Hölderlin


Text von Jona Jakob, September 2007 - Copyright Jona Jakob ©

Mittwoch, 17. Januar 2007

Wohlig in Wollishofen

Wir schliefen dreimal aus bevor uns Duschen anmachte. Nach etwas sportlicher Kleidung und einem Früchtez'morge verliessen wir die Wohnung, schnappten uns die Sporttasche aus dem Auto und machten uns auf. Der Bus fuhr uns in die Stadt, der Ticketautomat druckte zwei Zonen mehr und die S-Bahn rollte nach Horgen. Karamelbonbons und ein Taxi bis vor das Clubhaus, bezahlt und genutzt. Dann das Motorboot freigemacht und eingewassert, die Segeljacke angezogen und Fahrt aufgenommen. Allein auf dem See. Nur wir beide. Allein. Umschlossen von frischer Luft, mit hohem Tempo gleitend auf spiegelglattem Wasser. Rausch.

In der Seerose in Wollishofen festgemacht und warme Schoggi auf der Terrasse getrunken. In der Sonne 'Hesse' gelesen, das Geschwätz mitangehört. Abgelegt, Kindergeschrei. Aus purer Lust Vollgas, diesmal ohne Jacke. Kaltes Ziehen in Ärmeln, am Rücken vorbei, in den Beinen der Hose, kalte Luft. Tiefe Gelassenheit. Vor Horgen angekommen, noch zwei Wintervertäuungen geprüft und gesichert. Das Boot ausgeslipt und abgedeckt. Wir sind uns noch näher gekommen. Mein Gesicht strahlt und lächelt. Zurück zum S-Bahnhof, dabei einer lang Bekannten begegnet, erkannt am immer roten Haar. Freudiges Wiedersehen. Die Bahn und ein Bus rollen uns nach Hause. Wir sind wieder da. Wohlig alle beide - ... meine Zufriedenheit und ich.
Text von Jona Jakob, Jan 2007 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 25. August 2006

Von Forellen

Ein grosser, kräftiger Mann öffnete mit seiner linken, wuchtigen Hand den zu kleinen Knopf seines rechten Hemdärmels. Dann fasste er mit den vier Fingern unter die Ärmelkrempe und stiess dabei gleichzeitig den Daumen von der Gegenseite gegen das verdickte Absatzstück. In der Weise faltete der grosse, kräftige Mann seinen rechten Ärmel sozusagen rollend, Lage für Lage, nach hinten über die Höhe des Ellbogens. Dann drehte er sich langsam mit der Hüfte zum Kaltwasserbecken und streckte seinen Arm bis zum Hemdanschlag langsam und sachte ins kalte Wasser. Das Kaltwasserbecken wimmelte wellig von dunkelgrauen, bläulich schimmernden Frischwasserfischen, Forellen, um genau zu sein, von Bachforellen, gross und fest, wie alles Ländliche. 

Der kleine Junge, der bisher alles beobachtet hatte, ängstigte sich etwas darüber, dass der grosse, kräftige Mann seinen Arm unter die Tiere trieb. Noch wusste der Junge nicht, was er vor hatte. Nur alles sehen konnte er, da das Becken aus Glas und die Scheibe nicht angelaufen war. Der grosse, kräftige Mann lächelte den Buben an, der sich über die Nervosität der Tiere erschrak und sprach: "Schau, es sind schnelle, gescheite und schöne Tiere. Sie wissen, dass ich ins Wasser greife." ... und dann gelang es dem grossen, starken Mann, einer schillernden Bachforelle mit seinem dicken Zeigefinger den Nacken zu streicheln. Einfach mit dem Handrücken des Zeigefingers, vom Kopf bis zur ersten Rückenflosse und zurück. Das Tier, zuvor noch verängstigt mit den anderen im Kreis geschwommen, hielt still und war so ruhig, so seitlich am Glas, dass der Junge die Ruhe spüren konnte. 

Noch während der grosse, kräftige Mann seinen Arm aus dem Becken zog, sagte er zum Jungen: "Das geht auch mit Hühnern, Katzen, Hunden, Kühen und Pferden. Du musst nur die Stelle kennen." Dann legte er seine Hand dem Jungen über den Nacken auf dessen linke Schulter, sah ihn von oben herab lächelnd an, nickte zur Bestätigung schweigend und liess den nun völlig ruhig dastehenden Jungen für einen Moment mit seinem Staunen alleine.



Text von Jona Jakob, August 2006 - Copyright Jona Jakob ©