Samstag, 27. Juli 2019

Mittagschlaf beim Hausarzt

Da die liebe Frau Jeanette Mensing eben ein Buch für das Wochenende im Wartezimmer beim Arztes empfahl, möchte ich von heute erzählen.

Ich war nämlich ebendies beim Arzt. Diesen habe ich ja im Verdacht, dass der mich einzig daher aufbietet, damit er für ein paar Minuten einen unterhaltsamen Gesprächspartner bei sich weiß.

Aber nochmal, der lässt mich auf 10:00 Uhr kommen. Um 10:10 Uhr spricht eine der netten Damen des Patientenmanagements "Herr Jakob, Sie können schon mal ins Besprechungszimmer eins." Wow, das ist seine persönliche Bude. Dunkelbraune Massivwand mit Rauchglasscheiben und eingelassenem Handwaschbecken aus moosgrünem Alabaster und Messingbeschlägen. Schwerer Schreibtisch mit distanzierendem Format, Lederstühle, Sofa, Deckenleuchte. Derrick forever, als er mir beim letzten Mal verrät, die Einrichtung schon vom Vorgänger übernommen zu haben. Aus Erfahrung und verzweifelten Hinweisen seitens der Ärzte weiß ich: Der Job muss einen massiven Anteil menschlicher Verlogenheit, Dämlichkeit und Gejammer mit sich bringen. Menschen am Laufband abzufertigen und sich das immer selbe Gejammer und Gestöhne anzuhören, dabei wäre man Akademiker. Der Zyniker damals in der Schweiz sagte mir beim ersten Termin: "Herr Jakob, noch etwas: Wenn Sie nur ein Zeugnis wollen, sagen Sie das gleich. Aber erzählen Sie mir keine Geschichten." Und so nun auch der Mediziner hier in DE, der wenig älter ist als ich und seine Zeit vermutlich fristet, wach, interessiert und sinnbildlich etwas mit Champus bekleckert, wenn er erst einmal eine meiner Antworten verdauen muss, auf all seine Beschwörungen. However ...

Jotter by JJ / Sony-Ericsson P800

Ich sitze also ab 10:10 Uhr in seinem Besprechungszimmer 'Derrick' und warte. Die letzten beide Male sass ich dann dort meine 30 Minuten, lieber hätte ich bei der BUNTE gewartet. Ich hasse es, eine Chance auf ein Wartezimmer in der Woche zu haben und dabei die BUNTE zu verpassen, egal wie alt schon. Wozu sonst gehe ich zum Frisör, Arzt, Autowaschanlage oder Termin bei der DEKRA - nur wegen der BUNTE.

Jetzt ist es so, um 11:00 Uhr habe ich täglich das Tief meiner Biokurve. Mir sackt der Kopf weg, ich höre nix mehr, ich will nur noch schlafen, Mittagsschlaf ist angesagt. Und den mache ich dann auch. In Derricks Salon, dem Besprechungszimmer Nr. 1 aus den 50er-Jahren meines Leibarztes. Ich bin mir nach dem zweiten Mal nun nur nicht sicher, ob er mich dort gütig schlafen lässt oder oder er ob das noch gar nicht mitbekommen hat, aber auch heute schlief ich dort, den Kopf im Nacken, meine 20 Minuten, bis ich wenige Minuten vor dem Guten aufwachte und Präsenz zeigen konnte.

Und klar, aus Gründen ist dann auch mein Blutdruck voll im guten Bereich, der Herr Doktor ist hochzufrieden.

Frieden ist vielleicht der Zauber an dem Moment, in dem die Zeit zu stehen geblieben scheint. Ungesund ist es bestimmt nicht.

Mit grossem Dank an meinen Lieblings-Doc und sein wunderbares Team.


(c) Jona Jakob - 2019, Aschaffenburg

Montag, 13. Mai 2019

Bevor andere ein Auge auftun ...

Ich stehe morgens leicht auf, bisweilen sehr früh. So habe ich dann viel Krimskrams an Arbeit erledigt, bis andere ein Auge auftun. Das ist kein Facebook-Karriereplan, das ist einfach mein Naturell - hier zeigt es sich von Vorteil. Gerne arbeite ich morgens mit warmem Licht.

Mir gegenüber geht die Sonne auf, zwischen Agatha-Kirche und Stadthaus. Im Frühsommer wirken die beblätterten Bäume wie gesunde Frische am Platz. Oft ist alles noch ruhig. Und ehrlich, für mich ist es ein kleines Glück, hat sich der neue Grieche so viel Mühe gegeben. Sein Haus strahlt in Framboise, das passt ins Bild. 



Ich höre dann Musik von 'Solar Fields' oder 'Stellardrone', unsere kleine Hündin kantappert übers Laminat bei mir vorbei *kantappakantappa* und legt sich dann wieder schlafen. Um 06:00 Uhr gibt es Latte ans Bett. Nun, heute ist Urlaub, ...

... aber da arbeite ich ja am liebsten.


Jona Jakob (c) 2019

Sonntag, 14. April 2019

Palmsonntag und die Altglascontainer - eine Orientierungssuche zum Christlichen

Anlass: In einer Bayrischen Stadt neben der Kirche wohnend. Dazwischen eine 8er-Station Leeglascontainer, die heute früh gerne genutzt würden, wäre da nicht ich, der Respekt verlangt.

Sonst so: Palmsonntag ist der sechste und letzte Sonntag der Fastenzeit und der Sonntag vor Ostern. Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, die in der evangelisch-lutherischen Kirche auch Stille Woche genannt wird.

Und auch gleich: Meine Eltern erzogen mich konfessionslos. Ich war also zu keiner Zeit meines Lebens bei einer Kirche dabei. Schulreligion, Schulbibel, christliche Festtage, christliche Erziehung wie alle anderen auch. Christliche Werte bis hin zum ehrbaren Kaufmann. Sonntag, Weihnachten, Ostern, Karwoche.

Ich glaube heute noch nicht an Gott. Nicht so, wie das andere Menschen tun und ich denen das abnehme ohne es bewerten zu müssen. Ich würde nie sagen, es gäbe keinen Gott. Ich mag vielmehr nur nicht glauben, aber das ist ein persönlicher Standpunkt, auf dass ich vor all dem Bestehenden und Zelebrierten, also dem Gelebten ohne Frage den erbetenen Respekt wahre.


Unser Zuhause und die Agatha-Kirche in Aschaffenburg.

Meine gesellschaftskritischen Eltern, Nonkonformisten damals:
- Lüge nicht.
- Stiehl nichts.
- Töte nicht.
- etc.

Also, da sind sie, die christlichen Werte. Und manch ein Bildnis aus der Bibel dient ganz automatisch als Metapher, als Vor'Bild, als Orientierung. Selbst in meinen Coachings erläutere ich, dass man den Gedanken, 'Ich bin ok' getrost für sich selber bzw. mit sich selber ausmachen sollte, ob man sich hierfür in der Kirche vors Jüngste Gericht, in die Beichte oder einfach vor etwas Höheres stellt und sich fragt: "Ist mein Handeln vertretbar? Bin ich ok?" - In den meisten Fällen würde wohl jeder für sich sagen: "Durchaus, Ja!"

Da ich am 11.09.2019 Geburtstag habe, wurde ich automatisch reingezogen in diesen Begriff vom 'Glaubenskrieg'. Die "Anderen", die riefen: "Tod den Ungläubigen". Vermutlich war u.a. ich damit gemeint.

Es ist also nun deren Identifikation geworden, sich als Gläubige auszugeben. Und es ist deren Provokation geworden, als wäre diese gegeben, zu behaupten, wir seien Ungläubige.

Eines muss ich den hiesigen Muslimen allesamt lassen: Wenn ich sie am Sonntag klar und deutlich um den Respekt für unseren Christlichen Feiertag bitte, ziehen sie sofort ab, wenn auch maulend, aber noch sind alle tatsächlich abgezogen, spätestens wenn ich sagen: "Ihr fordert doch auch Respekt für euren Glauben und eure Lebensart und die Feiertage. " Da hören die mittendrin auf, Flaschen sonntags in die Container zu schmeissen und gehen. Ich bedanke mich dann, so gut das noch geht.

Aber so kam ich zu meiner philosophischen Frage, die vielleicht mehrere Sichten als Antwort zu gebären vermag:

Habe ich denn kein christliches Selbstverständnis, auch wenn ich nicht (an Gott) glaube? 

Ich meine: DOCH! Ich lebe durch und durch christliche Gedanken, Regeln, Gesetze, Ordnungen, Feiertage, Geschichten, Bilder, Gebäude, etc. Ich kann als alter Europäer dem Christlichen gar nicht entgehen, auch meine nonkonformen Eltern schafften das nicht.

Ich brauche kein Kreuz, ich gehe nicht zur Kirche, ich bete nicht, ich beichte und büße nicht. Sündigen, bestimmt, sündigen tue ich - aber eben, ich finde mich dennoch ganz ok dabei, bleibt mein Handeln insgesamt ein Christliches - das des Miteinanders, wie man die Freiheit beschreiben mag, so dass es für alle Platz und Zeit und Leben hat.

Wir sind alle christlich, sind wir nicht wirklich dagegen oder anderen Glaubens. Wir sind auf diese Art und Weise sozialisiert. Und ich finde, im Getöse, im Rap und im Basching als "Ungläubiger" abgetan zu werden, ist nicht richtig. Sonst würde ich vielmehr mein ethisches Handeln verleugnen, in der Jugendsprache genannt: "... auf alles kacken ..". - doch das tut unsere Gesellschaft nicht. Die Gesellschaft, in der ich in der Schweiz wie in Deutschland in protestantischen wie katholischen Gegenden lebte, sie hat eine weitaus gemeinsame Wertewelt, eine Haltung, ein Vorleben dessen, was das Christliche ist. Und so mag die Behauptung, wir würden nicht glauben, keinen Boden für eine Berechtigung finden. Das nützt aber nichts, es den (in dieser Frage ungläubigen) Dschihadisten verklickern zu wollen, die einfach mal behaupten, moralischer zu sein, als wir. Ok, vielleicht moralischer, woran das immer gemessen werden soll. Aber gläubiger in unserer Haltung, an die wir gesellschaftlich glauben, ist da draußen mE niemand. Das sind wir gleichauf. Und für mich habe ich beim Ruf nach Respekt kein so schlechtes Gefühl, im Christlichen einen soliden Anteil meines Selbstverständnisses wiederzufinden, ob ich gegenüber der Kirche wohnend in Schlappen und Hometrainer die Jungs anpfeife um gleich wieder ins Bett zu kriechen, während wahre Kirchgänger heute mit Zweigen ihren Palmsonntag zelebrieren.

Vielleicht mag wer seine Sicht zur Sache legen, den Wunschzetteln gleich, die man in Osterfeuer wirft ;-)

Bin ich nun, weil ich nicht an einen Gott glaube, ein Ungläubiger? Oder bin ich eben doch ein Christ? 


Herzlich besinnt sich zur Karwoche - wenigstens ...
Jona Jakob, Aschaffenburg

Samstag, 16. März 2019

My Friday for Future

Meinen ersten Beitrag zur Umwelt sehe ich darin, Politiker, welche das Umweltanliegen der nächsten Generation negieren / ignorieren / ablenken / etc. aus meinen Wahlmöglichkeiten auszuschließen. Ich entsorge gerade AKK, Altmeier, Lindner und wen ich mit solch einer Haltung sonst noch erwische.

Es gibt weder ein Recht, die Welt auszubluten, noch gibt es ein Recht bzw. eine Argumentation, nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlagen zu versiffen. Wenn jemand GEGEN Umweltverschmutzung protestiert, ist niemals mit "Schule" oder gar mit "Kinder" dagegen zu argumentieren. 

Bild: Privat JJ mit iPhone aus Maintower, Frankfurt. 

Die Angst jener, welche die Kinder lieber im Unterricht sähen, ist nicht die von verpasstem Lehrstoff, sondern dass diese "am Beispiel, welches Schule macht" (kleines Wortspiel) erfahren, dass sie emanzipiert, kritisch und unabhängig agieren können. Sie werden beim Thema Umwelt keinen letzten Halt machen. Alles, was sie für rückständig, amoralisch und unvorteilhaft halten werden sie in Zukunft schlicht nicht annehmen und es gleich als Übergriff abweisend auslegen. Sie wären ja (bei aller Schulbildung) "doof", wenn sie das akzeptieren würden, auf die Gefahr hin, in absehbarer Zeit dadurch in Probleme zu geraten.

Orwell hatte nicht ganz Recht, mit seinen denunzierenden Kindern, welche die eigenen Eltern dem System verraten würden. Es könnte aber gut sein, dass die von eben jenen pragmatischen Politikern und Bossen der letzten 40 Jahre erfundene "Wirtschaftswelt der OPTIMIERUNG" Kinder zeugte, denen bereits in jungen Jahren der "Scheiß der Alten" nicht gut genug ist. Sie fordern Besserung.

Im selben Atemzug, wenn man "Kinder" erwähnt, sollte man, soziologisch nicht ganz unähnlich, "Alte" im Fokus behalten. In ihrer Lebensphase vor dem Tod gedeiht diesen eine beträchtliche Unabhängigkeit fürs Narrentum. Manchmal zu ersten Mal in deren Leben - warum sollten sie diese Freiheit nicht dazu nutzen, sich den Kindern anzuschließen und sie zu unterstützen?

Spätestens dann folgend die "Kinder" der Alten, Kampfstaffel Helikoptereltern, die 'Walküre' auf den Lautsprechern und jemand der durch allen Nebel sagt: "Charlie don't surf."

Die Disruption, liebe Wirtschaftsleute, könnte ganz klar eine GESELLSCHAFTLICHE sein, bevor der Begriff einzig "blöd" dem Digitalen zugeschrieben wird. Als "Generation Humanismus" könnte es mir reichen zu sagen: "Schau an, endlich ploppen Gefühle und Bedürfnisse nach oben." Der Begriff der Emanzipation, Grundlage aller Individuation, er ist ein disruptiver.

Jona Jakob (c) 2019
jonajakob.com, Aschaffenburg

Sonntag, 3. Februar 2019

Es ist nun der fünfte Mensch, der stirbt und mit ihm sterbe ich ein gutes Stück mit.

Es ist nun der fünfte Mensch, der stirbt und mit ihm sterbe ich ein gutes Stück mit - außer bei meinem Vater, der besteht als Teil meines Ichs in mir. Das ist bei mir wohl so: ich bestehe aus Bezügen, Erinnerungen, Sentimentalem - aus Gefühltem. Und je nachdem was einst war, verschwinden mehr oder weniger Anteile von mir, wenn jemand durch den Tod abhanden kommt. Mir wird es nie mehr möglich sein, diesen Teil "unserer Geschichte" jemandem wirklich erzählen zu können, es wird ab jetzt immer nur mein Teil daran sein - die andere, zweite Seite ist nicht mehr, meinem Erzählen fehlt es an Harmonie. Mir fehlt dann die zweite Komponente, die aus 1 + 1 = 2, 8 oder 3,5 gemacht hat und so verliere ich nicht nur diesen Menschen mit seinem Anteil meines Bestehens, ich verliere besonders jenen Anteil, den wir zusammen bildeten, dieses Plus Ultra, ... above & beyond. Oder habt ihr schon mal Abba-Songs mit nur 1 Stimme gehört?

Und so wird jede und jeder, der vor mir stirbt einen Teil meines Todes sein, denn irgendwann bin ich nicht mehr, weil das passende "Zubehör" nicht mehr existiert. Mit Stefan ging etwas, mit Gina, nun mit Renate. Wovon ihr mir, zum Beweis, wohl nun reden würdet, das sind dann eben nur Erinnerungen. Jenes hingegen, wovon ich schreibe es zu verlieren, ist Anteil meines Lebens. Auch wenn ich die Person vielleicht Jahre nicht gesehen oder gehört habe. Es gibt einige Lieben aus meinem Leben, an die denke ich nicht einmal - auch wenn sie damals wichtig waren. Doch weiss ich um ihren sicheren Tod, bricht aus mir eine schillernde Paillette meines gesamten Wesen und macht mich dünner und wässriger.

Wie sehr ich darin existent bin, euch alle verinnerlicht zu wissen, mag vielleicht kaum jemandem so richtig klar sein. "Ach, erzähl doch." Wohingegen ich es so empfinde, wenn ich täglich schreibe und gelesen werde, reise und begegne. Ich fühle diesen Tod, als hätte ich einen Schuh verloren, oder den rechten Arm. Man zieht wo einen Faden raus und aufsmal fällt das Gewebe auseinander. Danach ist kein Stoff mehr. Es mögen noch viele andere Stoffe da sein, doch dieser ist nicht mehr - ich brauche niemandem etwas noch davon erzählen, ich würde fahrig klingen, da meine Worte nicht mehr getragen wären.

Das zeigt meine Stärke in all den Punkten, wo die Stoffe in ihrem Strick noch intakt sind. Ob hervorgeholt oder lange vergessen, lebendig tragen sie sofort und jederzeit und vermögen im Dasein des Anderen alle ihre Farben, die bunten und die trüben, noch zu zeigen - erzähle ich von jemandem Geschichten, die/der noch lebt, könnte jederzeit dessen Stimme aus dem Off mir den Rücken stärken. Die Toten aber, sie reden nur mit mir - damit muss ich dann selber klarkommen.

Eines sei von mir hier deutlich gesagt: Ich kann nur mit einer Frau leben und mit einer Haushaltung, mit einem Ort. Das bedeutet aber in meinem Wesen seit meiner Kindheit nicht, dass ich nicht unzählige geliebte Bezüge hätte. Bis hin zu Musikstücken, Rezepten, Tieren, Wohnungen, Styles, Bilder, Filmen, und eben euch, Menschen, Menschen, Menschen. Es gilt auch für mich, dass ich nicht jeder warmen und einladenden Geste zu folgen habe, das ist auch gar nicht notwendig. Was ich aber für niemanden 'einzig' gelten lasse, mein Leben lang schon, dass ich die Geste, das Herz, welches ich geschenkt kriege, niemals aus mir abgrenzen würde. Weder bei Mann noch Frau, bei ferner oder näher, bei jünger oder älter. Ist da ein feines Gewebe, ein Faden des Fühlens und Verstehens, der hält, ist das das wirklich EINZIGE, was mir Leben zum Leben macht. Und wenn eben jemand dann nicht mehr ist, geht für mich ein Teil als verwobene Verbindung verloren.

Als ich heute die Nachricht verstand, sie, die so sehr gesund lebte, schoss ein Gedanke durch meinen strapazierten, teils müden Körper: '... und ich, ich bin es, der nochmals heiratet.'
Meine letzten 20 cm auf dem Zollstock des Lebens werde ich eines tun: Leben. Ich werde verlieren, Faden für Faden, und ich werde genau daher leben, bis ein dünnes Fließ meine Restseele abstaubt, auf dass auch ich nicht mehr bin.


Sei getragen.

Und ihr auch ... seid getragen.

Jona Jakob, Bern

Dienstag, 27. November 2018

Gefundener Text aus einem Gast-Blog vom August 2011, Thema: Limbachs Krankenbesuch

Limbach stieg leise die Treppen in den dritten Stock hoch. Er hatte sich angewöhnt, wieder Treppen zu steigen. Die drei Stockwerke schaffte er schon ganz gut. Die Tür stand offen. Ein getrockneter Kranz ehemals blauer Hortensien schmückte die Wohnungstüre. Es roch nach Frauengarderobe und nach Tee.

Nein, Limbach konnte nicht zeichnen und er wollte auch nicht. Zeichnen war nun wem anderes Stärke. Wozu sollte er betreten, was wem sonst eigens war, was sollte er es berühren oder sonst wie nachäffe?  Er war zum ersten Mal hier. Er nahm Notiz von Bildern, Garderobe, Türen zu anderen Räumen, etwas Kunst, Moderne, Schals und Schuhe, Taschen. Er entschied sich, seine Schuhe nicht gleich schon auszuziehen, als wäre er hier vertraut zu Hause, vielmehr verblieb er, für sich entschieden, Gast. Diese Rolle war schon anspruchsvoll genug.

Mit dem rechten Handrücken stieß er die Türe zum Wohnzimmer weiter auf, dort wo Licht und etwas Musik herkam. Es lief ein Klavierkonzert und da er in Klassik nicht bewandert war, hörte er einfach nur hin, seinen Blick durch den sich öffnenden Raum schweifend, vielmehr hinsehend, dem Weiten einer Linse gleich, die sich einen Gesamtblick verschafft, um damit das Ganze zu fassen. Er lächelte. So kann man wohnen. Vielleicht würde kein Mann mehr hineinpassen, in dieses tunlichst gewählte Arrangement von feinen Dingen und Erkorenem, aber doch, so kann man wohnen. Limbach mochte die Bilder nicht. Umso mehr staunte er dann aber über die hohen angelsächsischen Sofas, die sich streng gegenüber standen. Eine solche Wahl hatte er nicht erwartet. Ihn beschlich der Gedanke, sie könnten aus der ehemaligen Ehe sein, da sie sonst niemand wollte, aber der Nippes dazu passte. Zwei strenge Sofas eignen sich für Hund und Frauchen oder für Staatsverträge, Gespräche von hohem Niveau. Sie stimmten ihn jedenfalls heiter.

Sie war krank. Sommergrippe. Irgendwo her und nicht wirklich nachvollziehbar, wie sowas kommen kann. Er schwor sich, weder die Hand zu geben noch zu viele Türgriffe anzufassen. Lieber einmal mehr die Hände waschen und bloss nicht ins Gesicht damit. Lieblos, aber mit einer Sommergrippe wollte er im Moment nichts zu tun haben. Sie lächelte und grüsste heiser…

Limbach entschied, bevor er einen Ton sagte, an die Musikanlage zu treten und die Lautstärke des Klavierkonzert etwas einzuschränken. Als man sich wirklich hören konnte, sagte er: „Hallo … nein, lass das mal mit dem Händegeben, ich bin da“.

Jona Jakob, August 2011

Dienstag, 13. November 2018

Irrglaube

Das käme dem Irrglaube gleich, dass wenn man Froschfiguren sammelt, man gerne welche geschenkt bekäme.

(c) Jona Jakob, 2018

Sonntag, 11. November 2018

Um dazusitzen ...

Ich bin heute, heute - nicht morgen schon wieder - auf unserem Balkon gesessen. Im Regal meines Vaters spielte eine Platte Jean Christian Michels 'Aranjuez'. Es hätte auch von Abdullah Ibrahim 'The African Marketplace' sein können. Es war 11:00 Uhr. Ich rauchte Zigarre. Danach spielte noch Phil Glass und Keith Jarretts Solokonzert 'Lausanne'. Ich trank da meinen Kaffe und aß dazu ein Stück Panetone. Die Sonne schien. Das Wohnzimmer blieb leer. Die Liebste behielt sich noch im Bett. So sass ich da, während die Sonntagsgänger ihren Dingen nachstrebten. Ein Bein wippte.



Und so dasitzend, in dem Meinen, nicht den Sachen nur an sich, sondern in dem, was mich zusammenhält, was mich trägt,dachte ich, wie schwer es war und noch ist, wie schwer es über 15 Jahre wurde, um dazusitzen, in dem was mich ist und bei mir zu sein, um erst einmal da zu bleiben.

(c) Jona Jakob, 2018

Samstag, 10. November 2018

Bei Gericht

Wir wohnen neben dem Gericht. Täglich laufen Personen in ihrer Rolle als Anwältinnen und Anwälte alleine oder mit ihren Mandanten vom Auto zum Gericht oder von diesem wieder zurück zu den Autos. Sie strahlen dabei eine ganz spezifische Aura aus, die sich durch den Hin- und dem Rückweg unterscheidet. Aber das Anwaltschaftliche bleibt anhaftend.

(c) Jona Jakob, 2018

Montag, 29. Oktober 2018

Dinge vom Vater, Züge von mir ...

Glück aus etwas Vintage - da liegen die 70er-Jahre.

Die signierten Lithographien, es sind original drei, von Urs Dickerhof (Biel), begleiteten mich nun bald 50 Jahre durch mein Leben. Das Regal, Gelegenheitsstück (Zollikofen) meines Vaters, steht seit 40 Jahren irgendwo, wo ich auch lebte. Mit acht Jahren fing ich an, Platten zu kaufen, die erste war 'Slade Alive' und ich habe sie noch. Den DUAL-Plattenspieler mit Verstärker und die beiden HECO-Lautsprecher kaufte ich vor einigen Jahren in Mörfelden aufm Trödelmarkt für 100 Euro.

Bilde: (c) Jona Jakob, privat

Erst seit einigen Tagen liegt wieder alles bei sich. Erst seit einer Lebensunterbrechung von schier 15 Jahren steht "mein Ensemble" an Erinnerungen an besonders meinen Vater wieder. Ich höre Donovan, Cohen, Lagren, Mayall, ELP, Earth Wind & Fire, ... ich höre besonders gerne jene alten Musikwerke, die damals "jeder" hatte und hörte. Man musste ja hören, was die Eltern hörten oder was die wenigen Musikbänder in Autos hergaben. Man war nur all zu oft in einer Art 'Kollektiv' einer Herausgabe, weil wir alle nur Platte hören konnten - alle. Also kannten alle die gängigen Alben der Roling Stones, Led Zeppelin, Deep Purple, Nazareth, Status Quo, Uriah Heep, ELP, etc.

In schier allem, dem Bart, dem Rollkragenpulli, den Raucherwaren, den Autos und dem verrückten Lebensstil lag eine politische Aussage. Man war so und so und so - Sex als Nacktheit und Kommune war wichtig. Und Terrorismus. Und schnelles Denken gegen alles, was sich etabliert hatte. Man war Augstein und Nannen. So hörte ich Matter, Donovan, Chi Coltrane, Beatles, Rolling Stones, Jesus Christ Superstar, Hildegard Knef, Jarrett, Simon & Garfunkel, Jazz, Baez, Ian Dury, Cocker, Dylan, Lou Reed. Mutter las Fallaci. Vater las Musil. Als ich ihnen Houellebecq vorstellte, wollten sie mich erschlagen. Alle beide, einzeln. Noch immer war alles irgendwie politisch, jede nackte Brust, jede Marlboro, jeder 2CV, jedes Glas Pastis. Mein Aufwachsen war eine sublime Form stets spüren zu lassen: So nicht.

Es liegen dort die Bildbände meines Vaters zur Antarktis. Und nächstens kommen Tatort Bern, Ich, Urs Dickerhof unsoweiter, Von Hodler bis zur Antiform, Tagebuch des WT, und andere Kunstbücher hin. Und eine Gallone Gordons.

Auch so rauche ich selten etwas Zigarre dazu, auf dem Balkon sitzend, wenn Gary Numan, Simply Red, Peter Tosh, Parliament, Falco oder Lucio Dalla den Sonnenmoment begleiten.

Bild: (c) Jona Jakob, privat

Ich glaube, meinem Vater war das Liegende näher, als das Stehende. Es war schon schwer genug, an ihn heran zu kommen. Er legte Dinge. Leise und sanft. Sie lagen dann da. Und mir, als Bub, waren sie heilig. Seine Schreibwaren, immer ein Messer, Pfeifen, Zirkel, Lineal, Lesebrille, manchmal Karten. Vielleicht, weil er im Stehenden das Anhäufen verkannte, Haben als Verlust von Freiheit - und alles Horizontale, Offene, Breite und Weite als Form und Ausdruck von Freiheit. Er mochte Dinge, die man sofort aus dem Leben räumen konnte. Heute liegt ein nicht kleiner Teil davon in mir.

Es sieht immer noch modern aus. Das Regal wird mich überleben.

(r) Jona Jakob, 2018

Es gibt einen eigenen Blog für meinen Vater: https://klausjakob.blogspot.com 

Sonntag, 21. Oktober 2018

Wegen etwas Glück ...

"Ich werde doch wegen etwas konstruiertem Glück aus dem Positiven nicht die wunderbare Welt des Dramas aus dem Negativen außer Acht lassen."


Jona Jakob, 2018

Samstag, 20. Oktober 2018

Houellebecq

Obwohl er mitspielt, sitzt er außerhalb desselben. Und obwohl er es beschreibt, bleibt er abgekoppelt. Komplett dissoziiert, dissoziiert er gleich mit den Bach runter.

Man ist in der ersten Not froh sagen zu können: "Es ist 'ihm' egal." Mit diesem 'ihm' versuchen wir aber nur uns darüber hinwegzutäuschen.

Meine vier Bücher dazu. 

Es besteht die Möglichkeit, dass eines Tages wer bemerkt, dass er dafür, dass er - obwohl er drin und zugleich vollkommen draußen war - es nicht nur nicht falsch betrachtete, sondern vielmehr er es richtig erkannte.

Er macht es einem so sehr nichtig, dass man einen Rest von Empfindung spürt, als gäbe es am Boden des Absurden ein Blankes, das etwas wäre.

Er lässt uns ahnen, dass wenn wir ganz Mensch würden, wir unsere Schwächen, Nöte und unser Scheitern zugeben könnten. Und wieder wäre ihm das egal - was richtig wäre.


Jona Jakob, 2018

Sonntag, 2. September 2018

Eine Vorweihnachtsgeschichte, so muss ich vermuten :-)

Mein Einkaufswagen, gestern noch in Zürich-Altstetten in der Migros, ist rappelvoll und schwer. Ich kaufe Dinge ein, die wir hier in Aschaffenburg gerne mögen. Mein "Wägeli" ist also bis oben hin gefüllt. Es geht auf  die Kasse zu. Diese ist im Moment fast leer, niemand steht noch an. Ich möchte einbiegen, da steht eine ältere Dame vor mir. Ich sehe noch, wie sie meinen vollen Wagen genau inspiziert. Genau inspiziert. Dann nimmt sie mit ihren Augen Kontakt zu mir auf, ich bleibe etwas befangen und mit fragendem Blick stehen.

Ich: "Möchten Sie voraus? Bitte, gerne."

Sie: "Nein, nein, gehen Sie ruhig."

Ich schiebe meinen Wagen also in den Kassenkanal, da stellt sich die Dame aber sofort hinter mir an. Sie hat ein einziges Produkt, ein Plüschtier, in der Hand. Ich werde etwas unsicher und sage:

"Sie haben doch nur einen Artikel, gehen Sie gerne noch vor."

Nein, sie möchte nicht. Ich denke, also gut, dann nicht. Ich lade meine vielen Sachen aufs Band und es dauert seine Weile bis der Wagen leer ist. Dann geht es an der Kassiererin vorbei und gleich wieder einzuladen und auch das Geld bzw. die Karte bereit zu halten. Da fragt mich die Dame:

"Sammeln Sie die Punkte?"

Ich weiss nicht, von welchen Punkten Sie spricht und wofür man diese sammeln sollte, aber nein, ich sammle keine Punkte, ich lebe in Deutschland.

"Nnnein, ... aber alles klar - die können Sie gerne haben."

Die Kassiererin: "Macht Hundertzweiundsiebizigfünfundzwanzig." Ich schiebe meine Bankkarte ins "Chäschtli" und begleiche meine Einkäufe. Die Kassiererin zieht daraufhin an einem Band eine Menge schwarzgedruckter Punkte ab und gibt mir den abgerissenen Streifen. Ich gebe diesen der Dame weiter, die hinter mir ihr Plüschtier begleicht und sich strahlend bedankt.

Und so läuft in mir noch ein gutes Stück Fahrweg ein innerer Film vorm Kopfkino ab, mit welcher strategisch gewählten Vorgehensweise diese nette ältere Dame mich mit meinen vielen Ausgaben 'erwählte', um mit wenig Aufwand an die Sammelpunkte für vermutlich weitere Stoffplüschtiere zu kommen. Steht ja Weihnachten nicht mehr weit vor der Tür, die Enkel mögen zahlreich sein.

Ich lächle immer noch.

Montag, 25. Juni 2018

Komfort und Freiheit

Es geht nicht um den E. aus Ankara. Es geht um die Haltung seiner Wählerschaft. Das ist denen ernst. Das lässt sich weder mit reflektiver Würde, offenem Diskussionsraum, noch mit demokratischer Toleranz leben - sondern nur mit Ehre, Macht und Subordination. - Für alle und alles andere/n gibt es in so einer Konstellation keine Souveränität.

Jona Jakob - Bild: Privat (r) Jona Jakob

Das zeigt, dass Kommunikation, Offenheit und Demokratie eine Gesellschaft und alle ihre Mitglieder, - jeden von uns -, zu einem dauernden, nicht wirklich fassbaren und verunsicherndem wie höchst beängstigenden Befassen bzw. Denken mit abstrakten Substantiven zwingt, die einem fort zu auf dünnem Eis halten und so dauernd beängstigen.  - Während der/das nun Gewählte - ohne jedes Nachdenken - Ordnung schafft und damit Sicherheit erfühlen lässt, der man gerne blind folgt.

Der Preis dafür ist die eigene Freiheit. Die gibt man an der Türe zur Unterwerfung ab.

Jona Jakob, 2018


Falls Sie nur diesen einen Beitrag vorfinden, klicken Sie bei den Tab-Reitern auf 'Blog'. Dann erscheinen alle Beiträge. 

Jona Jakob arbeitet als Coach in Aschaffenburg bei Frankfurt am Main. Seine Gedanken und Beobachtungen entstehen auf dem Freiheit- und Unabhängigkeit-orientierten Boden der humanistischen Philosophie und Psychologie. 
Sein Gedanke: 'Würde! - Nicht Ehre.'

Freitag, 22. Juni 2018

Demokratie und Konsum

In einer Konsumwelt, in der dein Intellekt sich nur um die optimierende Wahl aus allen Optionen noch kümmert - bester Cafe, beste App, bester Partner, etc - ist das aktive Mitmachen und Denken in einer Demokratie nur eine belastende Hypothek und damit kein Komfort mehr.

Jona Jakob, 2018

Freitag, 15. Juni 2018

Romantik des frühen Morgens

Romantik des frühen Morgens: Im Mietshaus hörst du in der Stille den Fernseher der obigen, älteren Nachbarin, die nicht ungewohnt im Fauteuil genächtigt hat. Manchmal fällt ihr dabei die Fernsteuerung aus der Hand und es rumpelt. Ich weile dann gedanklich bei ihr. 

Text by JJ (r)

Mittwoch, 13. Juni 2018

Hören als Zugang zu mir.

Bei HiFi-Geräten nennt man es einen Zugang. Manchmal auch einen Ausgang, aber die meisten Stecker an der Rückseite sind Zugänge. Irgendwas kann da rein.

Ich sitze, würde man mich beobachten, in einer Art Trance oder Unbeweglichkeit und mit geschlossenen Augen im Sessel, der sich zentral gegenüber meiner HiFi-Anlage positioniert.

Bild: Eigentum (r) Jona Jakob, Coachingraum

Als Musik ist gewählt ein 'te deum' von Arvo Pärt, der Chor singt. Ich versinke. Versinke in der Klanggewalt hochwertiger Lautsprecher und neu erhaltenem Verstärker mit CD-Spieler. Das war alles nicht teuer, zählt aber in der HiFi-Welt zu den sehr guten Klangquellen. Hier vereinen sich, falls Kenner lesen, zwei Infinity Kappa 7, ein NAD Vollverstärker und ein NAD CD-Spieler. Mehr nicht.

Auch wenn alles sehr repräsentativ aussieht und beeindrucken kann, HiFi, also das Hören von Musik, bleibt keine Frage des Aussehens sondern des Hörens. Was an Klang entsteht? Und von welcher Qualität ist dieser? Und last but not least, was vermag ich selber zu hören?

Eine kleine Klammer dazu, was ich zu hören vermag. Ich stehe vor einem HiFi-Fachgeschäft und dort stehen zwei schwarze Geräte, die enorm grosse Masse haben und an ihren Frontseiten nicht mehr, als eine Leuchtdiode. Nicht ein einziger Knopf. Der Preis ist mit 4000.-- angegeben. Jetzt will ich mehr wissen und betrete das Geschäft. Der freundliche Herr nach meinen Fragen: a) Ja, je Stück 4000.--, und dass das Geräte sind, die je Stereokanal (also mono, wenn zwei) die Spannungsschwankungen des Stromnetzes ausgleichen. "Aha!" - Ich verstehe aber nur Bahnhof. Der Herr: "Setzen Sie sich hin, ich spiele es Ihnen vor." Er spielt Musik ab, mal mit diesen beiden Kisten, mal ohne. Ich: "Bitte nochmal mit ... - und jetzt nochmal ohne." Dann sage ich: "Wenn die Geräte zugeschaltet sind, höre ich die Musik in dem Sinn klarer, als würde man mir eine vernebelte Sicht per Optikeinstellung auf volle Sichtschärfe einstellen - ich kann alles messerscharf erkennen. Oder wie in diesem Fall "hören"." Der Herr: "Wenn Sie das hören, lohnt sich für Sie der Kauf." Er staunte nicht schlecht ... Was mich erstaunte: Wie schwammig und vernebelt die sonst so klar wirkende Musik herüber kam, wen die Dinger nicht angeschlossen waren. Wir hören generell einen fürchterlichen Brei. Jedenfalls ich, egal was die Tonquelle oder Medium ist und die sind ja in den letzten 20 Jahren nicht fetter oder besser geworden. Was wir im Stream oder als MP3 hören, ist der Durchfall der Klanggeschichte.

Bild: Eigentum (r) Jona Jakob, Vollverstärker, CD-Spieler

Wenn ich zuhöre, ist das intensive Arbeit. Gehe ich in ein Symphoniekonzert, ist es nicht selten der Fall, dass Menschen danach fragen, ob es mir gut geht? Ich sehe aus, als hätte mich ein Hund etwas zu lange in seiner Schnauze zerkaut, müde und abgekämpft, habe Ringe unter den Augen und meist stehe ich nicht wirklich aufrecht, bis hin zur Schwindeligkeit. Ich bin im Konzertsaal auch nicht scharf darauf, viel zu sehen. Wichtiger ist mir bei der Platzwahl, wo ich was auf die Ohren bekomme. Dann tauche ich mit geschlossenen Augen ein - und höre.

In Coachinggesprächen höre ich weit über meine Ohren hinaus mit allem, was für mich zu meinem Torso gehört, also allem außer den Beinen. Ich höre besonders mit den vorderen Oberarmen, dem Brustbereich, dem Hals. Wichtig sind auch der Rücken und ganze Partien im Gesicht und am Kopf. Ich höre mit den Handrücken und den Rücken meiner Finger.

Gerade höre ich das zweite Stück aus dem te deum. Ich bin nicht versunken, obwohl alles so aussieht, ich bin vielmehr höchst präsent und freudig angetan. Der saubere Klang geht in mich rein. Wer auch immer was an Genussmitteln in seinem Leben genossen hat weiss, was davon gute Ware ist und wie die sauber wirkt. Hier ist es das Mass und die Qualität von Klang. Das Werk von Arvo wird plastisch. Seine Sprache der Komposition und des Arrangements, die Orchestrierung aus seinem Dirigieren (Conduct),  kommt durch, es fehlen keine Silben, Enden, Absätze - alles tritt hervor, als stünden der Chor und die Streicher im Raum.

Hören als innerer Zugang.

Ich kann danach nachts nicht schlafen. Ich bin wie von Vitamin C wach geladen und geistig präsent. Mich zieht heute keine Pflicht oder Termine ans Arbeiten. Ich bin sonst belebt.

---------

Was mich aufstehen lässt und seit längerer Zeit wieder mal Philosophie lesen, ist die Reinheit der gehörten Essenz. Der Zugang des reinen Hörens erweckt in mir den Zugang zu geistigen Sphären, zum Hören, Lesen, Ruhen, Verstehen, Fühlen und Verarbeiten. Dank dem unfassbaren Klang und meiner Fähigkeit, diesen  sensitiv aufzunehmen, schliesst dieser in mir jenen Kosmos auf, in dem ich den Dingen auf den Grund gelange - ich lebe in dem Moment, intensiv und mit allen Sinnen. 


Bild: Eigentum (r) Jona Jakob, Der Raum unterstützt das Erlebnis.

Als gegenteilige Reaktion kenne ich mich, mitten im Gespräch hektisch auf die Radioknöpfe zu drücken, weil "ich den Scheiss, der meine Ohren zumüllt, nicht länger ertragen kann".  - Alle sind konsterniert. Mag sein, das tut mir leid. Ich mag es aber nicht tauschen gegen mein Glück der Geburt, über reines Hören einen Zugang zu haben, der mich erweckt.

Gute Nacht.

Text by JJ, 2018


Sie dürfen diesen Blogbeitrag gerne weiterempfehlen. 

Wenn Sie nur diesen einen Text finden, klicken Sie oben auf die Rubrik 'Blog', dann finden Sie alle Beiträge.

Samstag, 9. Juni 2018

Die Bettstatt

Limbach genoss den Luxus eines guten und teuren Bettes. Er wusste um das Gestell, die Höhe, den Rost und den Aufbau von Materialien der Matratze selbst. Er erfuhr um die solide Getragenheit, edler und frischer Bettwäsche, leichter Daune oder gar Eider. Er kannte das alles. Doch bei allem verführerischem Dunst, den eine edle Bettstatt so zu verbreiten vermag, blieb er in sich selbst der Typ, der die einfache Bettstatt vorzog, den Boden, die Matratze, ein Laken, nicht selten bloss das Sofa, das Gästebett in einer Kammer. Limbach hatte mehr als die Hälfte seines Lebens in keinem normalen Bett geschlafen, was er erst im Rückblick erkannte - dann aber sich nicht daran stieß. Für ihn war das der Schlaf des Wandersmannes, des Gastes, dem Fremden. Dünner Schaumstoff, Decken, Ecken und wenig Licht lebte in ihm wie das Schlichte eine Stückes Brot mit Wasser, Tee oder Wein. Vielleicht war es ihm auch nur eine lieb gewonnene Weise, sich der Nähe von täglichen Menschen zu entziehen, Distanz zu finden, ungeteilt und alleine nächtigend, selbst in fremden Wohnungen in die Ferne verabschiedet mit "Schlaf gut, wir sehen uns morgen früh." - Wenn Limbach zeitweise doch in richtigen Betten schlief, dann meist, weil er eine Seele verwöhnen wollte, eine Liebste, die geborgen sein sollte, gehoben, warm und in ihren Schlaf vertrauend. Dann gab es da ein richtiges Bett. Aber er selber, er wäre nachts losgefahren und hätte auf der Rücklade des Wagens geschlafen, im Kombi, die Klappe offen, hart und mit dem Blick über etwas, das sich am Morgen erst zeigen sollte. Die Decke würde nach dem Radkastenriechen, etwas vertrocknet und für Erste Hilfe noch nie gebraucht. Und wie er auch unterwegs gewesen wäre, wäre er auch wo gegangen. Früh, leise, aber weg.

(r) Jona Jakob, 2018

Sie dürfen diesen Blogbeitrag gerne weiterempfehlen. 

Wenn Sie nur diesen einen Text finden, klicken Sie oben auf die Rubrik 'Blog', dann finden Sie alle Beiträge.

Dienstag, 5. Juni 2018

Die Unangenehmen

Es ist nicht so, dass die Unangenehmen einem weniger lieben.

Jona Jakob, 2018

Samstag, 19. Mai 2018

Limbachs Strich

Limbach hatte sich in Bern in einen jener Züge gesetzt, die über Basel hinaus direkt nach Deutschland fuhren. Mit seinem Umzug von Frankfurt nach Aschaffenburg musste er seit neuestem weiter nach Hanau fahren, um dort Richtung Würzburg umzusteigen. Er stieg erst einmal in Basel am Bahnsteig aus, wo er über fünfzehn Minuten Wartezeit hatte. Als er nach einem Getränkekauf seinen Wagen wieder betreten wollte, begegneten sich vier eher lässige Leute noch vor der Wagentüre für ein herzliches Wiedersehen. Limbach stieg in den noch sehr leeren Wagen ein.
Später setzte sich einer von den Leuten vom Bahnsteig gegenüber an den anderen Tisch. Der Mann hatte krauses Haar, eine lässige Brille, war von schmaler Statur und hatte neben seinem Gepäck auch ein Instrument zu versorgen. Limbach ordnete dem Kasten einer Violine oder Bratsche zu. Man nickte sich freundlich zu.

Sonntag, 6. Mai 2018

"Durch diese hohle Gasse ..." - das werde mehr und mehr ich.

Ich bin ein intensiver Nutzer des Internets. Und ich  bin nicht nur Konsument, nein, ich bin zu massgeblichen Anteilen, vermutlich den grösseren, Produzent fürs Internet: Ich surfe kaum - aber ich lade hoch, schreibe, poste, habe Webseiten, Blogs, Accounts, Beiträge, Kommentare etc.

Natürlich bin ich auch Konsument. Zum Beispiel von Presseprodukten wie Bild, FAZ, NZZ, Spiegel, Tagesanzeiger, etc., von Youtube, Facebook, Google+, etc. etc. - ich lese Blogs, Websites, Beraterblogs, PDFs, etc.

Online verfüge ich über Bankkonten und diverse Logins.

Und jetzt stoße ich mehr und mehr an meine Limite.

Wer zuvor im Internet alles dachte, ich sollte hier lang und da lang, mich hier anmelden und dort einlogge, da meine Angaben mitteilen und diesen Klick-Way abfolgen, der überfordert seit geraumer Zeit meine Kapazitäten. All die "hohlen Gassen, durch die ich kommen sollte" (Schiller / Wilhelm Tell), die überfüllen mich - ich bin plötzlich der Kanal, also die 'Gasse'.

So ertappe ich mich, wie ich online-Einkäufe von privaten Konsumgütern meiner Liebsten überlasse. Die ist Weltmeisterin im Suchen, Finden und Bestellen. Sie nimmt dann auch all die Folgewerbung, die Feedbackanfragen, die Bewertungen, den ganzen Gutschriften- und Bonsballast ... das macht sie alles gerne mit. Ich nicht. Waste.

Bild: Jona Jakob mit iPhone, Mai 2018 / (c) Jona Jakob, Aschaffenburg

Nun möchte alle meine Unterschrift für die DSGVO. Oder immer mehr journalistische Angebote (siehe oben) wollen von mir ein Kauf-Abo: Tagespass, Montasbeitrag, Jahresmitglied. Die Bild mit ihren Kauf-Beiträgen, ebenso die FAZ. Beim Tagesanzeiger kann ich gar nichts mehr lesen, ohne es zu kaufen.

Neu auch all die Angebote von Webinaren, Events, Tickets-Kaufen, Scannen, Bookings, Apps ... alles sollte irgendwie in Eigenregie verwaltet sein und werden. Zu viel - echt.

Und ehrlich gesagt, ich kann nicht mehr, weil mehr nicht geht. Ich kann weder unzählige Passwörter managen noch mich jedes Mal einloggen müssen, wenn ich wo was möchte. Ich tue es schlicht nicht mehr.

Ich lasse es dann halt und sorge mich nicht weiter. Habe ich den Beitrag halt nicht gelesen, kann ihn nicht faven, nicht weiterempfehlen. Ist dann halt nicht.

Denn ich, der ich nicht mehr bin, als eine gewisse Dimension an "hohle Gasse" durch die ihr alle erst einmal kommen müsst, ich spüre, dass "gut is'".

Und ihr, hab ihr es auch schon gelassen?

Ich brauche nächstens Büromaterial - ab in den Laden, bloss nicht im Internet bestellen und liefern lassen - macht mein Gehirn madig.  Älteste Internetweisheit:

> Draussen ist dort wo die Sonne scheint. :-)

Ich wünsche allen einen schönen Sonntag.


Donnerstag, 12. April 2018

Ein Unmass an Müll.


Manchmal gibt es in ihm das Gefühl, ganz und gar verfahren zu sein. Fern ab und flüchtig von dem, was ein und sein Weg wäre. Und es sträubte sich mehr und mehr, dieser blinden Verkostung zu folgen, vom Konsum her bis zu dem, was an Gesabber Mediennachrichten für ihn an Gültigkeit abwarfen. Die Nachricht war schon korrekt. Aber für ihn, für ihn und sein Leben, war sie ohne grosse Bedeutung, auch wenn das kaum jemand so für sich gelten lassen mochte. Ihm war danach, das alles aufzugeben. Es war ihm ein Unmass an Müll.

Mittwoch, 11. April 2018

Gefühlskudddelmuddel

Heute bin ich eine seltene Kombination von Zugstrecke gefahren. Ich bin mittags in Leipzig in den ICE nach München, der also zum Ende meiner Etappe über Hanau und Offenbach zwei Mal den Main kreuzt, um dann in Frankfurt einzufahren.

Und weil mir ein paar angenehme Minuten blieben das Gleis zu wechseln, um mit einem nächsten ICE direkt weiter nach Zürich zu reisen, spüre ich, hier in Frankfurt zuhause zu sein, ob nun in Aschaffenburg, in Mörfelden, Offenbach oder Hanau - es ist meine Area, meine Home Base. Ich bin also etwas wehmütig weitergereist, als müsste ich Liebgewonnenes gleich wieder verlassen.

#Gefuehlskuddelmuddel

Mittwoch, 4. April 2018

Rechnung ohne Glückskeks

In einem der asiatischen Restaurants mit Buffet und all-you-can-eat setzen sich gegen 18:00 Uhr vier Teeniemädchen an einen Tisch und bestellen ein Mal Buffet und ein Getränk. Die anderen drei wollen nichts bestellen, auch kein Getränk. Sie essen und trinken dann zu viert von der einen Bestellung. Der Wirt fragt mehrmals nach, aber mit Mienen von Unschuldslämmern schütteln sie den Kopf. Als sie fertig sind sitzt eine jede rum und checkt bloss ihr Handy. Der Chef, der längst die drei ungenutzten Platzsets abgeräumt hat, bringt die Rechnung. Euro 18.90. Es gibt kein Trinkgeld.
Ich muss bei der Szenerie vermuten, die vier hätten bei einem Restaurantverweis darauf in einer Art Opferhaltung bestanden, rechtlich ein Sitzrecht und Recht auf ein Glas Wasser kostenfrei zu haben. Es roch förmlich nach dieser juvenilen Erprobung eigener Rechte und Freiheiten.


Anmerkung: Ich würde nur nie die Rechnung ohne den Wirt machen, ich meine, jedenfalls nicht bei einem Chinesen.


#Aschaffenburgbyday

Sonntag, 1. April 2018

Im Kaffee am Platz

Es steht ein älterer, nicht zu groß gewachsener Herr mit Schiebemütze an der Kaffeebar. Er ist dankbar für etwas Gespräch. Das äußert sich darin, dass er nicht aufhört mit Leuten zu reden um sich selber zu hören. Wir wissen nun alle rundum, was er alles ... aber niemand fühlte sich wirklich angesprochen. Das mag daran liegen, dass der Herr niemandem zugewandt sich kundtat. So war da ein Schwatz, ohne dass ein Kontakt entstanden wäre.

Jona Jakob

Samstag, 31. März 2018

Aschaffenburg by night

Fast jede Nacht verlässt ein junger Mann seine Liebste. Dabei startet er den V8 seines alten Camaros, der kurz aufröhrt. Dann führt er seinen blubbernden Wagen behutsam aus der Parklücke, bevor er mit einem stossartigen Grummeln unterm Schloss durch verschwindet. 

#Aschaffenburg by night.

Text von Jona Jakob, März 2018

Mittwoch, 7. Februar 2018

Wohin kann man noch emigrieren?

Als Mensch mit Haltung, oder auf der Suche nach einer solchen, hatte man vor dem Internet und den globalen Handynetzen noch freien Raum zu emigrieren. Man zog aus politischen, religiösen, gesellschaftlichen oder intellektuellen  Gründen aus der eigenen Heimat aus bzw. weg, weil man 'per eigener Anwesenheit' die Zustände nicht legitimieren mochte oder sogar gefährdet war, dort zu bleiben.

Zum Beispiel verließ Oriana Fallaci ihr geliebtes Italien und starb dann in der Emigration in New York - nicht inaktiv, Italien und seine Presse weiterhin massiv in die Kritik zu nehmen. Sie war mit Missständen und Entwicklungen nicht d'accord.

Ebenso gibt es ein mE lesenswertes Buch von Prof. Michael Walzer, mit dem Titel: Zweifel und Einmischung. Die Frage für den Kritiker: Soll man bleiben und sich einmischen, so wird man als Nestbeschmutzer beschimpft. Kritisiert man "von Aussen", sagen die Leute: Was weiss die/der schon, die/der lebt ja gar nicht hier.


Nun zur Frage:

Wo genau hin kann man heute noch emigrieren? Wohin geografisch? Wohin datentechnisch? Ist man wegen dem Senden und dem Empfang von Daten heute nicht dauernd "im selben Raum"?

Ist es nicht so, dass ich eigentlich nicht wirklich unter der Decke von Handy-Antennen und GPS-Ortungen, Sateliten und Kabeln "nicht mehr raus kann" ... und wie Zarathustra in die Höhle von Wäldern zu fliehen, ob in Kanada, Island, den Karpaten ... ist ja jetzt auch nicht die Idee.

Bin ich also sozusagen stets, jederzeit und allerorts "dabei?" ...

Beispiele für eine solche Betrachtung:

1: Erhalten Coachees den persönlich geschützten Rahmen und Raum, auch durch die Person des Coaches (Setting), wenn der Auftrag und die Bezahlung durchs Unternehmen und damit durch EntscheidungsträgerInnen erfolgt?

2: Bin ich in meinem vereinbarten Sabbatical wirklich "frei", mich für einmal mit etwas anderem zu beschäftigen? Kann ich frei wählen und entscheiden? Oder möchte der Arbeitgeber, die Uni oder die Behörde, dass es "dann schon etwas ist, was mit uns im Zusammenhang steht"?

3: Gewährt mir Raum wie z.B. eine grosse XING-Gruppe (> 1000 Mitglieder) die Freiheit, mich mitzuteilen? Wo viele Menschen notieren, sie wären auf den Austausch gespannt, aber sich dann doch zurückhalten, beizutragen? Führt die Gruppe sozusagen zu einer Art Selbstkontrolle und Anpassung? Vermögen wir nicht mehr zu trennen, zwischen Diskurs und Haltung? Zwischen Querdenken bei gleichbleibender Verlässlichkeit?

Herzlich grüsst und fragt

Jona Jakob

Sonntag, 7. Januar 2018

"Was treibst du?"

Über die Feiertage ergab es sich, dass mich ein gleichaltriger Buben-Freund über Facebook fand. Nach schier 40 Jahren Kontaktverlust. Und vermutlich hat er das mit seinem Vater besprochen, mit dem es in der Folge zu einem kleinen eMailverkehr kam. In seiner Mail fragt mich nun der Vater, es handelt sich um Urs Dickerhof, ehem. Rektor der Kunstgewerbeschule Biel (Schweiz) und Kunstmaler ...

"Was treibst du?"

Es fragt ein bald 80-Jähriger einen 55-Jährigen: "Was treibst du?"

Meine Antwort in der Mail:

Treiben? Für mich wäre treiben, wenn ich von allem ablassen, hier am Main auf einem rumänischen Lastkahn anheuern und damit nach Constanta am Schwarzen Meer shippern würde, empathisch reisend und ein Buch schreibend, wie Handke in seinem Vers ‚Eigenfarben – Über die Dörfer‘ 

Heute, ein paar Tage später, treibt mich die Frage weiter um: Was treibe ich?

Und dann beobachte ich mich selber, wie ich nach einem Jahr des Umzuges und der Neuorientierung von Aschaffenburg aus manchmal einfach rumstehe, wenn ich mit dem Hund rausgehe und der wo schnuppern möchte. Ich stehe und bin. Das habe ich bisher noch nie gemacht - rumstehen.

Eine andere Sache: Seit sehr langer Zeit, es sind Jahre, lese ich einen Roman. 'Das Leben des Vernon Subutex' von Virginie Despentes. Ich lese nicht um des Lesens Willen. Ich kenne die Verlorenheit des Vernon und ich mag die Sprache, mit der Despentes den Typen beschreibt. Ich lese aus diesen zwei Gründen 3-5 Seiten weiter - ich will aber nicht wissen, wie es weitergeht. Nur die paar Seiten Wörter und Bilder aufnehmen. Sonst nichts.

Gestern setzte ich mich vom Arbeitsstuhl auf das Sofa im Arbeitszimmer, der Hund setzte sich neben mich, leise lief im Hintergrund ein 'Deep House Mix' und meine Liebste setzte sich zu uns, lackierte sich ihre Nägel. Alles war einfach still in sich stehend. Es hätte jemand aufstehen können, nur um zu den Bässen des Chill-Mix mit der Hüfte zu wackel. Aber das auch nur ganz langsam, so in sich versunken.

"Was treibst du?"

Ich werde das glückliche Gefühl nicht los, mit "Treiben" eine der wenigen Formen von Sein zurückgefunden zu haben, in der es dem Optimierungs- und Leistungswahn, den existenziellen Pflichten und der Arbeit schlicht nicht möglich wird, diese Freiheit mit Hintergedanken und Absichten, Erwartungen oder sonst MindFuck zu vergiften bzw. zu trüben. In dieser Hinsicht, allgemein gesprochen, befürchte ich, sind wir schier alle massiv unterwandert, selbst wenn wir Yoga machen oder uns in Läufen per Tracker vertun. Bei all der Selbstdarstellung, wie sehr man gerade in der Natur sei und davon Bilder postet - ich kriege es kaum mehr hin, das als "Treiben" zu erfahren. Treiben, so meine aktuellen Gedanken, ist noch absichtsloser. In mir will nichts. Vielleicht eine Art 'Flow' - wie ich letzthin wo schrieb: "Flow ist tun können, ohne zu müssen."

Es kann ja einfach sein, dass nach den letzten Jahren der Neuaufstellung, der Repositionierung, der Ausbildung und des Umzuges ich keine Zeit mehr fand, die sich neu wieder ergibt. Aber ich habe auch jetzt grosse Ziele vor mir.

Es spielt aber nicht wirklich eine Rolle, warum ich neuerdings zu 'treiben' vermag. Ich bin innerlich auf einer Luftmatratze auf einem fliessenden Fluss im Sommer und treibe.  Bei offenen Fenstern nachmittags im Wohnwagen rumfletzen. Im warmen Kaffee sitzen und versuchen, die acht Zeilen Lyrik zu durchdringen. Etwas von Hand schreiben.  Mit dem Finger etwas auf den Rücken von jemand zeichnen und fragen, was war es? Bleistift und Block.

In einer TV-Doku wurde ein ehemaliger Turmspringer gezeigt, der aus einem Grund zerebral gelähmt war und sich nach langer Therapie halbwegs und unsicher wieder auf den Beinen halten konnte. Daher wollte er dringend nochmals vom Turm springen, was er aus drei Meter Höhe tat. Man half ihm und er sprang kopfüber. Als er am Beckenrand ankam und er strahlend in die Kamera lachte, sagte er: "Es ist nicht der Sprung oder dass ich es konnte. Was mich so glücklich macht ist das Gefühl, im Pool zu sein." Verdammt: Genau das ist der Unterschied! Nicht "Schwimmen gehen", nicht "Sport treiben", nicht "für die Gesundheit" - sondern einfach nur das Gefühl, im Wasserbecken umspült zu treiben. Er hat so recht, "im Pool sein".

Mich treiben lassen - ist das vielleicht, dem dänischen 'hygge' ähnlich, kein Sein, auch kein Lassen. Es könnte ein 'Bleiben-lassen' sein.

However - ich weiss es nicht. Was ich aber spüre: ich werde das mehr suchen und versuchen. Sollte ich daher mal nicht antworten, obwohl angesprochen, dann bin ich dort. Mich treiben lassend.

Was treibst du? Was treiben Sie?

Mit unbekümmerten Grüssen


Montag, 1. Januar 2018

... was vorbei ist, sind Männer.

Mit der Aktion von Hollywoodstars gegen sexuellen Missbrauch kommt eine Sache in Gang, die sich ihren Weg bahnen wird. Daher sage ich:

Es ist zu Beginn 2018 nicht so, 
dass Verbrennungsmotoren vorbei sind. Oder Autos. 

Was vorbei ist, sind Männer.

Jona Jakob, 1. Januar 2018

#TIMESUP



Die Disruption könnte daher nicht einzig eine digitale oder medizinisch-pharmazeutische sein, auch nicht alleine durch Roboter erfolgen oder per künstlicher Intelligenz erfolgen - ...

... nein, eine ganz andere Form der Disruption bricht darin durch, dass der männliche (Sexual)-Trieb gebrochen wird, per gesellschaftlich wirksamer Ächtung. Das verändert dann alles.

Das ist fortschrittlicher als jede neue Technologie - weil das älteste Muster der Menschheit ausgehebelt und gebrochen wird, etwas, was zeitlich so alt ist wie die Zellteilung. Fortschritt per Bruch von hergebrachten Selbstverständnis und weit zurückliegenden Mustern.

Und ob Sie nun ein Mann oder eine Frau sind: Versetzen Sie sich in die Vorstellung ... fühlen Sie nach, WIE REIZVOLL eine solche Umkehr oder Zerschlagung ist, per moralischer Ächtung eine reale Chance der Tilgung und Eindämmung zu erkennen. Das ist dann kein kleiner Scheiss ... vielmehr ist das höchst interessant, es anzupacken.

Jona Jakob. 

1. Januar 2018 #TIMESUP


Bestrebungen, weltweit

  • #metoo
  • #TIMESUP
  • Gleichstellungsbestrebungen
  • Gleicher Lohn für gleiche Arbeit
  • Frauenquoten in Organisationen
  • Genderbestrebungen
  • Indien bemüht sich um gerechteren Umgang
  • In Afrika laufen Bemühungen wegen den Beschneidungen und Schulung
  • Toiletten für Transsexuellee
  • Sex-Gesetz in der Ehe in Schweden
  • USA und das "Yes" einholen (für Sex)
  • Recht, Männer anzuzeigen
  • Polizei lernt dazu, Frauen anzuhören und zu reagieren
  • Ämter- und Beratungsstellen werden institutionalisiert
  • Kinderehen werden verboten
  • Schweden: 5000 Juristinnen klagen Übergriffe an #metoo
  • tbc.

Dienstag, 19. Dezember 2017

Sich zu Weihnachten besinnen ... - keine leichte Aufgabe in 2017.

Dezember 2017


Liebe Leserinnen und Leser

Freunde und Bekannte

Einst war Weihnachten in meinem Leben, ich bin ein 62-er, die Zeit, als das Christkind kam, Jesus später, man war artig erzogen und huldigte auch gefühlt einer mir nie erkennbar gewordenen Autorität, die ich eher auf die damalig gesellschaftliche Stimmung in der Schweiz beziehe. Der Kommunismus war noch da, die Russen für viele Schweizer direkt vor der Tür.

Später, ich war jugendlich entwachsen, fuhr Auto, hatte eine erste Lehre in der Tasche, da waren Weihnachten eher ein Ding bei Muttern. Da wir meist Open-House feierten, in einer Mischung von warmem und kaltem Buffet an Leckereien und Traditionellen und eben einer laufend rotierenden Schar von Gästen, verlor die eigentliche Geschichte etwas von ihrer Erzählung. Niemand kümmerte einen Heiland. Aber liebevoll waren, wir, nett, adrett, zugewandt und disco-stylish. Wir metamorphten von Poppern zu Yuppies und blieben mit Falco einfach junge Römer, tanzten wir anders als die anderen.

Jahre später, ich war verheiratet, es waren also zwei Familien zu pflegen, wurden Weihnachten irgendwie affig und zwangsartig. Das klärte sich im zehnten Jahr Ehe, als ich zum 24.12. für mich nach Spanien fuhr und Susi heimlich Housi (Hans) zu ihren Eltern einlud, Weihnachten zu feiern. Der Pragmatismus des Schwiegerelternhauses schoss förmlich auf Jesus, "schiss" könnte man auch schreiben. Hauptsache ich war weg, egal wie.

Dann kamen andere zehn Jahre. Das Menschsein gewann wieder an Boden, das Internet machte das Miteinander modern und so feierte ich doch immer wieder redlich, meist mit einer Liebsten, lieben Leuten und Gästen und war Gast. Das Leben hatte mich ein zweites Mal in sich geworfen, ich hatte mich entschieden, leben zu wollen und wenn Ja, dann auch in guter Art und Weise. Das ist dann bis heute fein gewachsen.

Mir - der ich gänzlich ohne Kirche erzogen wurde - mir war das mit Weihnachten nie ganz egal. Es gab stets dieses Gefühl, vor irgendwas dann doch noch einen letzten Rest Respekt und Achtung zu haben, alleine, in dem man es nicht in Frage stellt, sondern lässt, als Teil meiner Menschheit und Zeit meines Menschseins. Mir ist Weihnachten durchaus bewusst. Denn gerade das Denkende an meinem Geist und meiner Seele sieht keinen Weg, die Glaubensgeschichte, unsere zu Jesus und Gott, irgendwie wegzureden. Unsere christliche nicht, noch die der Muslimen, der Orthodoxen, der Griechen, Juden noch sonst wem. Glauben, wenn für mich auch nicht fassbar, gehört den Menschen, die diesem erwachsen sind. Wer bin ich, das in Frage zu stellen? Und wozu sollte ich?

Per aspera ad astra - Über steinige Weg zu den Sternen. - Unser Zuhause, unser Miteinander // Bild (c) Jona Jakob, privat.

Dieses Jahr, 2017, wird es schwierig. Zu viele nationalistische, rechtsorientierte, autoritäre, ehre-orientierte und machtgeile Entwicklungen sprechen in ausgerufenen Parolen alles aus, was gegen das Bildnis der Weihnacht spricht. Es herrscht die blanke Aberkennung. Weder versöhnen sich Länder oder die Politik, noch hält sich der Neoliberalismus zurück. Und für mich sind es nicht die einzelnen Figuren, die täglich namhaft in den Nachrichten genannt werden. Es ist für mich die Menschheit an sich, die Masse, die Wählerschaft, global. Sie sucht überall ihren Führer und lässt sich am anderen Schwanzende vom Amazon genüsslich aufzehren - die Matrix life.

Die Menschen sind stolz auf ihre neuen Uniformen, die sie als Soldaten lenkt, sei es für Kriege und die Zerstörung "anderer" Menschen - als gäbe es das, 'andere Menschen', denn es sind immer Menschen. 


Oder die andere Uniform, die des angepassten Konformisten, die sie zu Konsumenten eines sisyphos-artigen Konsums macht, dem Glaube verfallen, damit irgendwie "optimaler" zu werden. 


Es ist dann nur ein Lachhaftes, mit welchen formlos weichen Eiern und mit welch perversem Pragmatismus Produzenten aus Schoko-Weihnachtsmännern gendergemässe Jahresendfiguren machen und wir die eigenen Lieder nicht mehr singen, weil ja darin das Leben mit seiner Ganzheit, auch der unbequemen, erkennbar werden könnte. Wir sind nicht moralisch "auf dem richtigen Weg der Entwicklung" - nein, wir sind mE ferner den je, emanzipiert uns selber zu werden, als Frau, als Mann, als Kind und Mensch, auch Tier und pflanzlichem Wesen. Wir fressen uns selber auf und sitzen dabei schweigend in einer täglichen Unzahl von Fallen. Wir tun wirklich alles, aber schenken tun wir uns damit vermutlich nichts - eher im Gegenteil.

Es mag eine volkswirtschaftliche Pflicht sein, zu sehen, dass es mir in meiner Selbstverantwortung gut geht. Das bedeutet aber nicht, dass es neben dieser Haltung kein weiteres hergebrachtes Verstehen davon gibt, dass man das auch anders auslegen und leben könnte. Das Deontologische, die Pflichteinhaltung bis hin zum eigenen Nachteil, ist eine solche Haltung. Dort verzichtet man auf seinen Vorteil, dort nimmt man das Negative in Kauf. Dort hält man den Schmerz aus und trägt die Last, die mit etwas verbunden ist. Von welcher Idiotie ist der Gedanke, entweder Gott ODER Allah?

Deon verplichtet den Gottgläubigen zu denken, dass es auch einen Allah gibt für alle Allah-Gläubigen. Und auch einen Messias für Messias-Gläubige. Wir hätten an die Gemeinschaft genau "so" zu glauben und für sie einzustehen, wie für uns selbst. Heute aber, 2017, schauen wir nur für uns selbst, als gälte es, das eigene Schiff auf dem wir schwimme zu versenken.

Bloss weil wir nicht in der Lage sein mögen, und ich behaupte mal, das wäre halt anstrengender, was meint: nachteilig, lassen wir uns unseres entwickelten Profils entmächtigen, werden formlos und unerkennbar, breiig und etwas, was man mit einer Hundetüte nicht aufnehmen kann.

Nur um es einfacher und bequemer zu haben!

Das war aber nie die Idee der Weihnachtsgeschichte. 


Im Gegenteil, es wurde ein leidensreicher Weg eines Menschen, der jung zu Tode gebracht und seinem Leben damit entrissen wurde. Das beschäftigt mich, den Ungläubigen, heute und jetzt, da ich schreibe.

Ich brauche nicht an Gott und 2000 Jahre Christentum zu glauben oder dieser Religion zu folgen. Ich brauche bloss mehr Mensch werden zu wollen, als es die Gemütlichkeit und Formlosigkeit von mir verlangen.

Ich brauche nur in den Vorschuss, das Wagnis, den Mut und ins Risiko eines noch so gewagten Miteinanders gehen mögen, wo ich spüre, in meiner ganzen Schönheit zu strahlen, egal wie fremd ich für andere bin, und ich werde christlich genug, nicht mehr glauben und hoffen zu müssen recht zu sein, sondern mich emanzipiert zu haben als das, was Gott schaffen wollte: 


Mich, als Mensch!  


Das ist mein Angebot und meine Hand, meine Gesicht und mein Herz zum Miteinander. Hier muss ich mich längst nicht mehr entscheiden.

Ich glaube, 2017 ist ein Jahr, von dem wir 2020 sagen werden: Dort hätten wir die Weichen umstellen müssen - jetzt ist es zu spät. Und selbst wenn sich das Politische wieder beruhigen sollte oder tragbar bleibt, das Amazon(e) wird uns weitaus mehr "drogensüchtig abhängig" machen, mit jeder Alexa ein Stück mehr. Sie meinen, ich übertreibe? Ich habe durchaus nichts, gegen all diese "Mittel", insofern sie Mittel bleiben würden. Doch das tun sie längst nicht mehr. Wir, die Konsumenten, sind deren Mittel und bedienen diese neuen Führer mit Informationen, Verhalten, Kaufmustern und Krankheitsdaten. Wir werden gerade DEREN MITTEL.

Sonst schreiben Sie mir, wo genau Sie noch freien und unabhängigen Denkraum erkennen können, ob im Alltag, geografisch oder von einer philosophischen Warte aus. Sagen Sie mir: WO genau?

Ich streite mich nicht mit Ihnen, ich möchte Sie motivieren, die Frage aufzunehmen und jenen Raum uns finden lassen, in dem wir noch wir sind und bleiben können, bevor wir uns irgendwie als Nichtse dissen lassen müssen.


Besinnliche Weihnachten - tut mir leid, wenn es in diesen Zeiten nicht so leicht ist, fröhlich zu tun.


Ihr Jona Jakob


Ich danke für all die Liebe, die mir meine Partnerin Elke und unser Hündin Phibi schenkt. Ich danke für alle Bezüge, Beziehungen, Grüsse, Lacher, Aufträge, Anvertrauen, Streite, Rangeleien, Dispute und Debatten. Ich danke denen ebenso, die es mir schwerer machen, wie denen, mit denen es ring geht. Das Unliebsame ist kein geringeres Lebensgefühl, wie das, was einer "unexpected grace" nannte. Ich danke dem Universum für das neue Café am Agathaplatz. Und ich grüsse, meine Augen kurz schliessend, meinen Freund Stephan, der im Sommer verstarb.


Sie sollen sich zu Weihnachten besinnen. Zwischen den Jahren lassen Sie das sacken. Weil, zum Neuen Jahr gilt es, sich zu verfassen, auf ein nächstes Jahr in Haltung und Festigkeit, Mut und Freude, so dass man selber deutlich ist und uns andere daher folgen mögen. Deon - zuerst die unangenehme Pflicht. Da bin ich alter Schule. Oder mein Vater. Oder Coach.

Ihnen und Ihren Angehörigen alles Gute und Stärkende.