Mittwoch, 18. Juli 2012

Am Ende des Bahnsteigs

Wenn ich reise, fängt das zu Hause an. Ich muss an viele Dinge denken. Die Heizung zurück drehen, den Abfall runter bringen, dreckige Wäsche mitnehmen, Dokumente einpacken, Licht aus. Vor der Türe prüfe ich mich auf Schlüssel, Ticket, Geld, Ausweise und Uhr.

Das erste Stück gehe ich vom Haus weg, in dem ich wohne. Es ist, als laufe ich aus der Nachbarschaft raus. Das Gefühl des Entfernens macht mich leichter. Ein paar Häuser weiter zieht es mich an die Bushaltestelle. Ich sehe nicht, ob gleich ein Bus kommt. Bis an die Hauptstrasse runter ist mir die Sicht verwehrt. Manchmal fährt mir dann der Bus davon und so, wie mich das kurz säuert, denke ich auch, "egal, reise - mach langsam".



Für den Bus muss ich an Kleingeld gedacht haben. Die Taschen hinstellen und ein Ticket lösen. Im Bus setze ich mich ganz hinten hin, weil das für den Weg zum Bahnhof am schnellsten ist. Ich laufe die paar Meter zur S-Bahn.

Die S-Bahn ist mir unangenehm. Sie versprüht in mir das Gefühl, sie halte sich für etwas Besseres: DIE S-Bahn. Sie riecht unangenehm und irgendwie ist sie wie ein Uhrwerk pünktlich. Ich brauche drei Stationen, dann bin ich in der Stadt und am Hauptbahnhof. Hauptbahnhöfe sind teils wunderbare Bauten. Besonders gefallen mir jene, welche genietete Stahldächer mit Glasscheiben haben, hohe Bögen, welche mir die Stimmung von James Bond vermitteln - immer noch.


Für mein Wesen sind Menschen an Bahnhöfen eine Herausforderung. Jeder läuft im Zielmodus, so dass man möglichst keinen anderen sieht noch wahrnimmt. Jemanden beachten ist in einem Hauptbahnhof nicht zu erwarten. Für mich ist das hektisch und von viel Rücksichtslosigkeit, die mir nicht gut tut. Damit ich mich davor etwas bewahren kann, bin ich regelmässig zu früh vor Ort.

Es mag erstrebenswert sein, durch viel Abwechslung den eigenen Tag zu bereichern. Mein Sehnen besteht jedoch darin, mit weniger das Leben zu geniessen. Das ist heute nicht einfach, das Leben in Einfachheit zu gestalten. Das Konditionieren des Daseins ist ein riesen Geschäft, alles komplex, variantenreich und reguliert gestaltet, ich muss also dringend genau wissen, was für einen Kaffee ich bestellen möchte und was alles in mein Eingeklemmtes soll, welches sich heute 'Sub' nennt. Ich bin hierfür oft überfordert.


Um Momente der Einfachheit zu finden, so meine ich für mich, muss man diese 'entdecken'. Man muss 'Etwas' vielleicht mehrfach frequentieren, um zu merken, dass dieses Etwas seine eigenen Qualitäten hat und dass man diese, aus welchen hervortretenden Gründen, schätzen lernt.


Es schien heute die Sonne. Ich war meine dreissig Minuten zu früh. Dreissig Minuten zur früh zu sein, gibt mir das Gefühl, nächstens einen Zug zu besteigen, welcher über die Grenzen hinaus unterwegs sein wird, die Stimmung verbreitend, das Fremde beginne auf der ersten Wagenstufe.


Ohne es anfänglich zu merken, begann ich immer öfter, meine Taschen in Blickweite hinzustellen und den Bahnsteig an sein Ende hinunter zu laufen. Manchmal steht noch ein Zug und der fährt dann aufs Mal ab. Ich schaue dem rollenden Tross zu, höre seine Beschleunigung und bewundere die Bögen, welche der Zug zeichnet, wenn er in den Geleisen mit seinem Schlusslicht verschwindet. Dann ist der Bahnsteig leer und es liegt da ein Horizont.


Ich stehe am Ende meines Bahnsteigs. Dort ist kein Dach mehr, der Himmel ist unerwartet weit. Es ruht oder windet, es regnet oder es scheint mich die Sonne an. Niemand sonst da. Keine Kofferwalzen, keine Kinder, niemand raucht, kein Handy. Ich stehe auf Gleis 14 am Ende und da ist nichts. Selbst eine Lautsprecherdurchsage, welche über den einfahrenden Zug informiert, klingt verloren, als spräche die Stimme ins 'off'.


Nächste Fassaden und Werbebotschaften sind weit weg. Züge, auch nah gelegene, fahren in die Bahnhofshalle an mir vorbei. Keine Passanten. Kein Mensch. Ich setze mich auf die Bank, die leer ist, mein Gepäck bei mir, als weilte ich ob einer Klippe, einer Landzunge, einer Bergspitze, Steg mit Aussicht. Am Enden meines Bahnsteigs habe ich freie Sicht. Alles ist weit weg, nichts drängelt, Wind kühlt, es riecht hier frischer.


Gedanken entstehen in Bildern von Leuchtschriften, von Häusersilhouetten und dem Löwenzahn, der es nicht lassen kann. Wenn es verwegen wird, flitzt eine Maus den Geleisen entlang und ich finde wo einen Zwanziger. Am Ende meines Bahnsteigs fühle ich mich .. aufgeräumt.


In dieser Brache von Weite und Dünnem, von Entfernung und Endlichkeit, sitze ich zu früh auf meiner Bank und sonne mich, entspannend, Gedanken verlierend und irgendwie milde blickend, wenn der Schnellzug der Deutschen Bahn auf mein Gleis einfährt, rollend zum Ende, dort wo es heftig lebendig ist, in der Halle, wie beschrieben. Bei mir doch, da ganz hinten, trete ich, nach feinem Alleinsein unter Himmels Dach, Erbauung aus dem Weiten, auf dessen erste Wagenstufe.


Text von Jona Jakob, Juli 2012 - Copyright Jona Jakob ©

Auch bei Zeitzug.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Nachmittagssicht

Bei mir gibt es eine Aussicht. Es liegt da der Main zwischen den Ufern blattloser Büsche. Seine schlammtönerne Kälte wirkt. Gegenüber ist Bayern, was ich stets komisch finde. Dort liegen Felder, da kein Baum die Sicht darauf verdeckt. Schwemmland. Erst weiter hinten folgt etwas Industrie und dahinter erheben sich am Horizont die Weinberge des Spessart. Heute liegt Schnee und über allem steht in Grau der Himmel.

Der Blick ist jener auf ein historisches Landschaftsbild, gemalt in tristem Öl und schwer gerahmt, fast bürgerlich und etwas aus der Zeit. Über die Felder ziehen, je nach Jahreszeit, Tiere. Ein Rehpaar und ein Fuchs heben sich im Winter gut gegen das Weiss des Schnees ab. Kormorane balzen. Und Rammler prügeln sich die Pfoten um ihre langen Ohren, wenn es Frühjahr wird. Hunde und Pferde werden von Menschen getrieben. Die passen nicht wirklich ins Daliegende. Sie wirken zielstrebig und das strahlt die Landschaft nicht aus. Sie strahlt nichts Nennbares aus. Sie liegt einfach da und das scheint es zu sein, womit sie mich erreicht.

Ab und zu kreuzt ein Frachtkahn auf dem Main durch das Bild. Leise und stoisch fährt so ein Pott an den Rhein oder ins Schwarze Meer, was weiss ich. Die schiebende Bewegung des Kahns hebt dabei das Daliegende der Landschaft hervor - ein paar Wellen noch, dann scheint wieder alles wie zuvor.

Ich vergesse dann manchmal, dass jemand anrufen könnte und fahre zusammen.


Text von Jona Jakob, Dezember 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 13. August 2010

Nachtcafé

Er fühlte sich ganz wohl dabei, dass die Kaffeebar leer war und er sie ganz für sich alleine hatte. Die Bedienung war mit letzten Arbeiten beschäftigt, räumte Gerätschaften aus und rieb Gläser trocken. Tassen schepperten, Löffel klirrten. Er selbst nahm den Raum in sich auf, alles, was an Wärmen, Gerüchen, Lichtern und Eindrücken möglich war. Dann atmete er aus, während er den Streuzucker unter den Milchschaum rührte.

Er sass da und liess die Zeit sterben. Ihm war danach. Allein im Irgendwo. Ihm passte das und so schrieb er ein paar wenige Zeilen für sich. Die Eingangstür am Ende des Raumes ging kurz auf und ein athletisch tüchtiger young urban failure legte einen Stoss frische Tableauformate auf den Tresen, die 20-Min, die in jeder Stadt verteilt wurden. Kein wirklicher Lesestoff, das Kreuzworträtsel war ok.


Er hatte noch gute vierzig Minuten, bis er in die Nacht entlassen wurde. Das fand er wunderbar, genoss sein Vergessensein in der abgelegenen Ecke, schlurpte am Milchschaum rum. Da er kein ordentliches Papier bei sich hatte und ihm das karrierte Blatt vom Notizblock zu ernüchternd wirkte, hatte er sich in einer Glanzpostille eine Werbeanzeige mit grossen und leeren Hintergrundflächen gesucht. Jetzt schrieb er Zeilen um die Taille einer Ikone.

"Fleur, wie mag es dir gehn? Leise die Tage, schwankend, von Wellen getrieben. Wenn ich schreibe und meine Brust dabei erhitzt, gibt es sich, dass ein Hauch von Dir hochzieht und sich verflüchtigt. Es ist mein Glück, dass du dir den Pulli geschnappt hattest, damals an jenem Dienstag, als wir auf den Zug warteten. Hauch, in wenig Zeit geh ich in die Nacht - adieu, ich begleite Dich zu jeder Zeit des Tages."

Es quitschte eine Tram am Haus vorbei. Es war draussen etwas kühler und vorallem war da jenes späte Gefühl, das in ihn heimkehrte, wenn in der Nacht der Moment entsteht, wo er für sich meinte, alles stünde langsam still. Den Wagen starten, folgend dem, was die Lichtkegel hergaben. Nicht links, nicht rechts. Vielleicht einen Mundwinkel hochziehen, wenn Chris Isaak gespielt wurde.

Text von Jona Jakob, August 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 30. Juli 2010

Heiniger

Heiniger hatte getan, was von ihm verlangt wurde. Es war als Bub zur Welt gekommen, hatte nie geweint, kannte als Indianer keinen Schmerz und absolvierte Pfadi und Turnverein wie seine Schulen. Weil das Gymi dem familiären Anspruch entsprach, schaffte er seine Matur und da der Vater darauf was hielt, studierte er Rechtswissenschaften in St. Gallen. Er war ein Dr. jur. HSG, international vernetzwerkelt, bestens ins OBNW integriert und auch im Militär hatte er es bis zum Oberst geschafft. Kurz: jede mittelständische Bank riss sich um ihn und dann war da Lisa, dünn, lapprig, willfährig und heiratswillig. Sie passte zu ihm und er passte zu ihr. Jedenfalls sahen das die beiden Familien damals so. Heirat, Kind, Haus, zweites Kind, Eintritt in die Anwaltskanzlei von Matt, Bärlocher und Partner... - es sah für alle anderen wirklich gut aus.



Text von Jona Jakob, Juli 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Mittwoch, 14. Juli 2010

Herbstmilde

Manchmal gibt es Momente, wo einem die Dinge, die Geschehnisse und Begegnungen weich vorkommen, langsam und rücksichtsvoll. Man spürt förmlich, dass man nicht übergangen wird. Da ist ein Fragen, ein Anklopfen, ein Platzmachen. Und dann entsteht ein Beisammensein, welches sich im Gegenseitigen nährt und sich vertraut. Manchmal entsteht aus dem Nichts ein Dialog, ein Tauschen. Manchmal scheint die Sonne dann tagdrauf im weichen Maisgelb ihres Herbstes. Die gewählte Musik ist leiser, langsamer, klanglich tiefer.

Man ruht in sich selbst, den Kopf leicht schief, das kleine Vermögen an Demut zu unterstreichen und ein Lächeln als Anteil am Glück. Tiere schleichen sich an und Kinder müssten sich heranlegen und einschlafen. Man ist satt wie ein Blütenstempel, klebrig,  fruchtsam, nahrvoll und duftend und ist da, komme wer da möge.Das gibt einem eine Tasse Tee, ein offenes Fenster, ein sanftes "Hallo" und ein Verstehen, das nicht gleich schon reden muss. Es fliessen Hände.


Text von Jona Jakob, Juli 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Donnerstag, 11. Februar 2010

Eisener Steg

Es war beider winterliche Kleidung, welche bemühte Handgriffe tumb machte. Es gelang nicht wirklich, einzelne Finger, den Daumenballen oder die Handinnenflächen als Zärtlichkeiten anzudrücken, zu dick die Schichten an Pullovern, Jacken, Übermänteln. So standen sie im Wind einer Hängebrücke Mitte und sahen nirgendwo sonst hin, ausser kleinwenig in des andern Haar oder Ärmel hinein, den Blick nah und die Lichter am Horizont verschwommen. Passanten sahen kurz rüber, schwiegen aber. Vielleicht wurde etwas von der Ausdrücklichkeit spürbar, mit welcher sich die beiden in der Umarmung lagen. Es verging eine Stunde oder zwei, ihnen war's egal. Keiner fror oder war innerlich sonst wo, ausser eben in diesem Gefühl des andern, dem er zuvor begegnet war und den er nun nicht kannte. Ein Kohleschiff schipperte unter dem Gehsteg vorbei. Da schlich sich ihm das Klischee ein, bei der Löschung umklammert in Totenstarre gefunden zu werden, wäre ... -"Vergiss'!"


Text von Jona Jakob, Februar 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Mittwoch, 5. August 2009

Reife ist so eine Qualität ...

"Und wie wäre es mit einem kleinen Kuss, nachdem ich frisch aus der Dusche komme?"

Es wäre in einem gewissen Sinn hygienisch ... aber die guten, delikaten, von Kennern erstrebten Köstlichkeiten sind nicht wirklich aus abgeseifter Hygiene zu gewinnen. Sie sollen nicht verdorben sein oder gar unhygienisch, aber z.B. Reife kann so eine Qualität sein, die einem Liebhaber mehr zuträgt, als jede Frische.


Text von Jona Jakob, August 2009 - Copyright Jona Jakob ©

Samstag, 30. Mai 2009

Pfingstsonntag

Irgendwie ist es still. Ich halte mich zurück wie ein Boot, dass sich im Nebel verdeckt hält. M. war da und ging mir dir weg. Jetzt bist du wieder da und weisst nicht wirklich, was du mir erzählen magst. Mir scheint, du prüfst für dich das Unsere und willst nicht sagen, wie das ausfällt. Noch steht die Zeit etwas. Die Räume sind reglos. Ein Flugzeug startet. In meinem Kopf herrscht Windstille. Meine Schulter hängen. 

Das Gesicht bewegt sich nicht. Ich möchte, dass es gerade so bleibt. So stehend. So bewegungslos. Ich könnte mich darin erholen. Eine Pause. Wie ein Waffenstillstand mit meinen Aufgaben. Etwas aufräumen vielleicht. Dinge weg tun, damit einem das Sein leichter fällt. Die Rasur zB, ebenfalls eine Entledigung vom Wachsenden, Drängenden, Anfallenden. Pfingstsonntagfrüh.


Text von Jona Jakob, Mai 2009 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 22. Februar 2008

Heute, als du anriefst, ...

Heute, als du anriefst, als deine Stimme den Tag klar machte, da fuhr ein Zug vorbei. Und heute, als das Eigene, Arbeit am Menschen, wirkte, da schwebten Gedanken im Blick auf mich. Lang ist's her als ich schrieb: Eis bewegt sich. Und nun all diese Veränderungen. Als würden für eine nächste Partie die Figuren aufgestellt. Wir waren erst noch wenige, die einfach nur noch leben wollten. Wohin daher des Weges?

Bild: (c) bei Jona Jakob, privat

Egal. Was könnte ich schon wissen, wohin, wohin? Jetzt, jetzt gerade wäre es einfach und gut und warm. Es wäre frei und leicht und es wäre Pause, wenn du magst. Setz dich hin, erzähl, lass weich werden. Lass dich sein in deinem Kissen und den angezogenen Beinen, deinem Glas in der Hand, Geschichten erzählend und während gefrorene Gräser dampfen, wo ein Hund sich trollt. Ein Zug, ein nächster, rollt.


Text von Jona Jakob, Februar 2008 - Copyright Jona Jakob ©

Dienstag, 11. September 2007

Blick über Zürich, 2007

Ihr holden Schwäne ... 

So fuhr er hoch, ein Stück Strasse am Hausberg, auch wenn ihn ein Signal davon abhalten sollte, doch gab es da ein Lokal, ein Stück weiter, und bis dort durfte er hochfahren. Vor der Mittagszeit zu liegen ermöglichte eine freie Wahl an Parkplätzen und eine noch leere Terrasse, an jenem ersten Tag des Herbstes, als er sich an frischer Luft zu ihr an den Tisch setzte.

Obwohl in ein Gespräch vertieft und zuhörend, empfand er wenig für den Blick über diese Stadt. Er sah den See, das Zentrum und Teile der ehemaligen Industriequartiere, in denen sich nun Internetmenschen das Leben teilten. Gegenüber die Technische Hochschule, der Berg mit dem Zoo und etwas weiter links davon jener Sattel, über den man zu weiteren Aussenquartieren gelangte und zum Flughafen.

Er selbst fuhr seine Stadtstrecken wie ein geübter Taxifahrer. Er lebte in dieser Stadt wie 'fliessender Strom', der an bestimmten Stellen Impulse auslöste. Diese sich wohl präsentierende und frisch haltende Urbanisierung an See, Fluss, Strassen und Häusern, an Geschäften, Unternehmen, Lokalen und Plätzen, welche sich zum Seeende hin über die Jahre etabliert und vergrössert hatte, welche wuchs und seit Jahren für weite Regionen zum verschlingenden Magneten, gleich einem schwarzen Loch, geworden war, spürte er kaum noch. Wenig Empfinden für diese Stadt, auf die er gerade hinab sah. Sie war wie ein voller Arbeitstisch, den er brauchte, doch ein Wohnzimmer war sie ihm nicht. Jedenfalls jetzt gerade nicht, da er in der Mitte seines Lebens stand.

Als Kind lernte er Flecken kennen, die wild waren und weit. Orte, an die man nur schwer gelangte und zu denen es damals noch keine Autobahnen und Telefonantennen gab. Die Läufe zu diesen Orten hatten kaum Namen, waren in Karten nicht eingetragen und wenn man ihre Wege nicht regelmässig passierte, überwuchs Dorngebüsch ihre Spuren. Alte Steine formten Ansätze von Mauern und Umrandungen, grosse Bäume reichten als Signale. Doch wo er gerade sass, da war alles erreichbar und nichts mehr geheim. Als er die Gesprächspartnerin nach dem Essen zu ihrem nächsten Termin entliess, verlor er keinen Satz und keine Nachfrage nach ihren Wegen, hatte sie doch eine digitale Strassenkarte, die ihr das Links und Rechts des besten Weges sprechend an Ohr und zum Auge brachte. Dabei war sie morgens in Deutschland gestartet, war hier nicht heimisch und hatte noch viele Ziele vor sich. Doch alles war "erreichbar", digital kontrolliert, unter einem unsichtbaren Netz von Satelliten- und Mobiltelefonquadranten, Sektoren der Antennen und Überwachung.

Der See lag ebenso unter Kontrolle von Uferzugang, Eigentum und Reglementierung, wie zu beiden Seiten die Hügel und der Stadtberg. Gepachtet, zugängig gemacht, gastronomisiert und mit Events marketingmässig aufgedrängt. Diese Stadt mit ihrem Verkehrsnetz war eine grosse Modelleisenbahn geworden, in der er kaum echte Lebensmittel für sein Dasein fand. Das Fliegen sollte geräuschlos werden, die Kommunikation sollte strahlenfrei bleiben, das Zusammenkommen sollte einem Nutzen dienen und das Zeitverstreichende dem volkswirtschaftlichen Geldkreislauf. Abenteuer? Wildnis? Unbekanntes? Das gab es nicht mehr. Letzte Gassen waren historisch erfasst, selbst in Aussenquartieren wurden geführte Rundgänge angeboten, gewisse davon geschlechterspezifisch getrennt, weil frau genau wusste, was mit dem Trennen erreicht werden sollte.
 
Und darauf blickte er, mittags, von dieser Terrasse, über dieser Fläche kontrolliertem Seins. Kampfzone? Wie lächerlich, einzig sich darum zu bemühen, unter einer Haube von Erreichbarkeit so zu tun, als hätte man noch Aufgaben. Die Kontrollen zwangen zum Erreichbaren, konkret wie moralisch. Man wurde geschubst, sich zu bewegen und sei es vom Ablaufen der Parkuhr her. Doch Wildheit, Unbekanntheit, Versteck und Alleinsein ... das gab es nicht mehr an diesem vielleicht interaktivstem Flecken einer auf Trab gehaltenen 'Reservierung'. Es war eine toll-bunte Tüte ... ihn aber plagte, dass sie keinen Inhalt mehr hatte. Vielleicht der Umstand erster Güte, auf die Wünsche und Hoffnungen aus dem Gespräch keine eigene inneren Antworten zu haben, die ein innerliches Aufbrechen gelockt hätten. Was zum Aufbruch bewegte, war ein Termin - die beiden Menschen klein machend, in seinem Zwang, und verhindernd - einem weitgehend verhindernd.


Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
 
Hölderlin


Text von Jona Jakob, September 2007 - Copyright Jona Jakob ©

Mittwoch, 17. Januar 2007

Wohlig in Wollishofen

Wir schliefen dreimal aus bevor uns Duschen anmachte. Nach etwas sportlicher Kleidung und einem Früchtez'morge verliessen wir die Wohnung, schnappten uns die Sporttasche aus dem Auto und machten uns auf. Der Bus fuhr uns in die Stadt, der Ticketautomat druckte zwei Zonen mehr und die S-Bahn rollte nach Horgen. Karamelbonbons und ein Taxi bis vor das Clubhaus, bezahlt und genutzt. Dann das Motorboot freigemacht und eingewassert, die Segeljacke angezogen und Fahrt aufgenommen. Allein auf dem See. Nur wir beide. Allein. Umschlossen von frischer Luft, mit hohem Tempo gleitend auf spiegelglattem Wasser. Rausch.

In der Seerose in Wollishofen festgemacht und warme Schoggi auf der Terrasse getrunken. In der Sonne 'Hesse' gelesen, das Geschwätz mitangehört. Abgelegt, Kindergeschrei. Aus purer Lust Vollgas, diesmal ohne Jacke. Kaltes Ziehen in Ärmeln, am Rücken vorbei, in den Beinen der Hose, kalte Luft. Tiefe Gelassenheit. Vor Horgen angekommen, noch zwei Wintervertäuungen geprüft und gesichert. Das Boot ausgeslipt und abgedeckt. Wir sind uns noch näher gekommen. Mein Gesicht strahlt und lächelt. Zurück zum S-Bahnhof, dabei einer lang Bekannten begegnet, erkannt am immer roten Haar. Freudiges Wiedersehen. Die Bahn und ein Bus rollen uns nach Hause. Wir sind wieder da. Wohlig alle beide - ... meine Zufriedenheit und ich.
Text von Jona Jakob, Jan 2007 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 25. August 2006

Von Forellen

Ein grosser, kräftiger Mann öffnete mit seiner linken, wuchtigen Hand den zu kleinen Knopf seines rechten Hemdärmels. Dann fasste er mit den vier Fingern unter die Ärmelkrempe und stiess dabei gleichzeitig den Daumen von der Gegenseite gegen das verdickte Absatzstück. In der Weise faltete der grosse, kräftige Mann seinen rechten Ärmel sozusagen rollend, Lage für Lage, nach hinten über die Höhe des Ellbogens. Dann drehte er sich langsam mit der Hüfte zum Kaltwasserbecken und streckte seinen Arm bis zum Hemdanschlag langsam und sachte ins kalte Wasser. Das Kaltwasserbecken wimmelte wellig von dunkelgrauen, bläulich schimmernden Frischwasserfischen, Forellen, um genau zu sein, von Bachforellen, gross und fest, wie alles Ländliche. 

Der kleine Junge, der bisher alles beobachtet hatte, ängstigte sich etwas darüber, dass der grosse, kräftige Mann seinen Arm unter die Tiere trieb. Noch wusste der Junge nicht, was er vor hatte. Nur alles sehen konnte er, da das Becken aus Glas und die Scheibe nicht angelaufen war. Der grosse, kräftige Mann lächelte den Buben an, der sich über die Nervosität der Tiere erschrak und sprach: "Schau, es sind schnelle, gescheite und schöne Tiere. Sie wissen, dass ich ins Wasser greife." ... und dann gelang es dem grossen, starken Mann, einer schillernden Bachforelle mit seinem dicken Zeigefinger den Nacken zu streicheln. Einfach mit dem Handrücken des Zeigefingers, vom Kopf bis zur ersten Rückenflosse und zurück. Das Tier, zuvor noch verängstigt mit den anderen im Kreis geschwommen, hielt still und war so ruhig, so seitlich am Glas, dass der Junge die Ruhe spüren konnte. 

Noch während der grosse, kräftige Mann seinen Arm aus dem Becken zog, sagte er zum Jungen: "Das geht auch mit Hühnern, Katzen, Hunden, Kühen und Pferden. Du musst nur die Stelle kennen." Dann legte er seine Hand dem Jungen über den Nacken auf dessen linke Schulter, sah ihn von oben herab lächelnd an, nickte zur Bestätigung schweigend und liess den nun völlig ruhig dastehenden Jungen für einen Moment mit seinem Staunen alleine.



Text von Jona Jakob, August 2006 - Copyright Jona Jakob ©