Samstag, 18. April 2015

Kein Platz für Format

So, Autohersteller, Bundesstaat oder Grossbank, jetzt macht aber vorwärts. Ich habe nun eine iWatch und will endlich euren Webcontent erfasst kriegen, ihr Schlafmützen. Google will das so.

Schon in meiner Schulzeit monierte ich das Beschränkte am Format A4. Es reduziert einem. Später wusste ein Intellektueller zum Format Powerpoint: "Wenn du nichts zu sagen hast, brauchst du ein Programm, das dich dabei unterstützt, nichts zu sagen." Die 10 Punkte für dies und die 6 Regeln für das sind quantitativ solcherart reduziert, weil das Flip-Chart nicht mehr Platz gewährt. Alles flache Horizonte, an denen man dahinter in die Tiefe kracht.


Nun folgen Miniformate von Smartphones und Tablets. Die Aussagen im Twitterformat. Kein Epos mehr, keine Sinne, ausser dem des Sehens, allenfalls miesem Hörens. Das Retardierende am Fortgang. Und allgegewärtig Werbung. Die Timeline, irgendwo dazwischen, das neue Oeuvre.

Ich fange nächstens an, meine Messages an die Welt in tonnenschwere Steinquader zu schlagen, haptisch, riechend, klingend, dreidimensional, hörbar. Und wem das den Sinnen nach noch zu wenig ist, der kann mal dran lecken.

Oder ich verfalle in ein vielsagendes Schweigen, DEM Mythos allemal.

An Tagen, wo ich melancholisch bin, kaufe ich mir ersatzweise die BUNTE.

Jona Jakob

Samstag, 7. März 2015

Zum ganzen Selbst

So lange man als Mensch keine innere Ruhe hat, etwas nicht zu wissen, nicht zu kennen, etwas nicht ergründet und erkundet zu haben, etwas nicht erstanden oder gesehen bzw. erlebt zu haben, so lange ist ein Mensch kein Lernender, wie behände schönlippig behauptet, sondern ein Von-Angst-Getriebener, ein Kümmerling.

Er oder sie lernt dann nicht, weil er sich er'gänzen würde, sondern aus Furcht, ohne nicht bestehen zu können und bleibt endlos Gefangener seiner Unzulänglichkeit.

Und so lernt er auch nicht, um stark, gross oder weise da zu sein, sondern um sich fremdverantwortende Vorteile zu verschaffen, Selbstoptmierungen, aus der Unsicherheit, in irgend einen Wettbewerb nicht genügen bzw. bestehen zu können.

Er lernt also als sklavisch Getriebener und wird eher weniger - weniger Mensch, als er es vielleicht wäre, könnte er so bleiben, dass er sich nicht kümmert.

Bild mit Jotter: (c) skizziert von Jona Jakob


Und es gibt tatsächlich immer mehr Religionen, Bibliotheken, Netzwerklehren und Weltphilosophien, die einem allein wegen ihrer umfassenden Dimension den Glauben gewinnen lassen, es sei nun möglich, alles zu erfassen, auf das es kontrolliert und gesteuert werden könne. Es ist eine Form von All-Wahn, dem höfisch erlegen wird, unreflektiert und von nichts mehr gestützt, als vom eigenen Nichts, was man ist.

Denn es ist gerade jene finite Vorstellung, eine Allmacht und ein Allwissen würde alles und jedes dingfest- und steuerbar machen, die zu nichts weiterem führen würde, als zu etwas Erreichtem, welches einem gebrauchten Präservativ ähnlich schiene.

Ich meine, wenn es einen Gedanken an einen vollkommenen Menschen gäbe, dann den, der einen grossen Raum von Nichtwissen, Nichtkönnen, Nichtberühren, Nichtsuchen, Nichtorten und ganz besonders Nichtverstehen so für sich gelten lassen könnte, einer souveränen Annahme, Liebe und Endlosigkeit gleich, dass er genau damit glücklich, ruhend und besonnen mit sich selbst verbleiben würde. Das würde ihn ganz machen.

Text von Jona Jakob, März 2015 - Copyright Jona Jakob ©

Montag, 20. Oktober 2014

Der Tod und sein Boden

Ich war an einer Klassenzusammenkunft in Bern. Schulkameraden, alle über 50, fragen mich: "Und du, Jööönu, wo wohnst du heute? In Schlieren (ZH) oder?" Jetzt muss man wissen, für einen Berner ist es schon schwer nachzuvollziehen, in der Region Zürich zu wohnen. Ich sage: "In Frankfurt."

"Ja wie? Wo? In Frankfurt? Ja du hast aber schon noch eine Wohnung in der Schweiz?"

"Nein."

"Ja, aber ..., ahaaa, in Frankfurt - de bisch du jetzt z'Dütschland!?"

Es bleibt ein Moment, wo Fragende meine Antwort hören aber nicht einordnen können. Geht nicht. Bern oder so, das würde alles 'gehen' - aber die Schweiz verlassen, das nimmt deren Gehirn nicht auf.

Am Tisch sitzen drei ehemalige Klassenkameradinnen. Eine fragt. Drei erstarren bei meiner Antwort. Dabei ist die Form meiner Antwort im "Normalo-Modus" gehalten, wenn ich einzig "Frankfurt" sage. Ich könnte ohne Probleme zwei Minuten dazu ausführen. Aber die Schweiz zu verlassen, das lässt sich auch in einfachen Signalen nicht vermitteln. Die drei reifen Frauen, mehrfache Mütter unterdessen, sitzen da und schauen mich ungläubig an.
Südlich des Flughafen bei Frankfurt / Bild: (c) Jona Jakob, privat

"Ich erkläre es dir anders: Ich sterbe in Frankfurt, das heisst, ich werde dort begraben werden." Damit hatten es alle drei begriffen. Die erlangte Klarheit war weniger intellektueller Natur, als dass sie nachfühlbar wurde.

Fremde ist mE dort, wo man nicht spüren kann, im Grab zu liegen. Die meisten wollen 'heim'. Das ist oft geburts- oder kindheitsnah und erklärt, wie jemand auch in einer abgelegenen Region grösser investiert, Häuser errichtet und Arbeitsplätze schafft. Dort ist man daheim. Als Berner kann man in Basel sterben, aber beerdigt wird man in seiner Berner Gemeinde. Und als Schweizer kann man in der hinteren Mandschurei sterben, der TCS (in D der ADAC) bringt dich "nach Hause". Auf fremden Boden zu verleichen, das spricht zwar niemand aus, aber ist für Menschen kaum erfassbar.

Mit diesem Blick erkenne ich, das es nicht 'stimmt', irgenwie "fähig oder emanzipiert" geworden zu sein, mich vom Geburtsboden, dem Kanton Bern, zu trennen, damals schon, mit 24 Jahren als ich nach Zürich zog. Denn heute lebe ich in Deutschland. Ich bin mit der Geburt, wegen deutscher Eltern, Deutscher. So betrachtet, bin ich dort hin "zurück" gezogen, wo ich allenfalls herstamme, auch wenn seit Geburt in der Schweiz lebend. Und gleichzu wurde nie mein Boden, auf dem ich bisher lebte. Ich kann niemandem erklären, warum ich nicht Schweizer wurde - aber es ist so. Einen Grund dafür kenne ich nicht.

Was meine Betrachtungen und Fragen allenfalls in ein paar Jahren aushebelt - ich lebe ja noch: ich habe ein gutes Gefühl, auch in Beirut, Konstanta oder Ostende im Grab liegen zu können. Vielmehr kommt die Frage auf, ob man für jemanden, der in verschiedenen Städten lebte, nicht auch mehrere Gräber anlegen sollte?

Jona Jakob
Zürich, Bern, Frankfurt


Text von Jona Jakob, Oktober 2014 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 17. Oktober 2014

Späte Süsse - oder: Net-Fundstück aus eigener Hand

Die Tage etwas langsamer in ihrer Frische, dunkel schon und gelblich. Sich bewegen reinigt die Nase. Nachts die neue Lust, sich dicke Daunen um die Beine zu schlagen. Gläser tauschen sich in Tassen, Kühles wird zu Warmgetränk. 

Und du, du tanzt mit deinen Tchibo-Hosen und dem alten Rollkragenpulli deine Kurven durch die Küche, weich und warm und häuslich vanillen, wie heisses Hefegebäck. Geschirr und Teelöffel scheppert, als wärst du heftig beschäftigt. Frischluft macht sich am Boden breit, ich ziehe meine Füsse hoch, dasitzend, in irgend einer Ecke deines Bunten. 

Ich hör dir zu, du Erzählende, Schwappende, Überlaufende, Sahnehaube und Herbstsonnewärme. Du Duft von Holz und Trockengras, Schwaden gärendem Fruchtbrantweins, Heustober. Was ist da schon wichtig, so lange ich dich sehe, die Strähne im Gesicht, darunter das glänzende Auge und deinen Mund, von dessen blitzendem Lachen ich nicht lassen kann.

Ein Finger fährt dir feinst über die blonden Härchen im Kreuz und wartet, als wäre Sunset im Schilfgras von Mimizan. - Nachsommer. Erstherbst. Laubtrocken. Gold. Zurückbleibstille. Dünenwelle. Sanftstimme. "Miracle".

Jona Jakob



P.S. Ich fand diesen Blogkommentar vom 24.10.2010 im Internet wieder und wusste nichts mehr davon: http://blog.flowerofchange.de/Die-Tage-etwas-langsamer-in-ihrer-Frische-dunkel-schon-Jona-Jakob.html

Text von Jona Jakob, Oktober 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Samstag, 2. August 2014

Spirit of Media-Markt

Die Tage waren seit Wochen zu heiss und jeweils am späten Nachmittag sank seine Präsenz ins Bodenlose, schleppte er sich mit seinen klebrigen Kleidern auf der Haut durch Gänge und Büroräume, erledigte scheinbar dies und das und sah eigentlich nur zu, dass sein Streben den Effekt hatte, auch andere im Unternehmen zum Aufhören und Niederlegen der Arbeit zu bewegen. Er liess Rollläden runter und schloss leere Räume ab oder machte Papiereimer leer, stelle Taschen bereits dort hin, wo sie dann nach Hause mitgenommen würden. Er hatte darin eine penetrante Wirkung und langsam gaben die letzten Eifrigen auf, der Wagen rollte vom Hof, das Geländetor zur Arbeit wurde geschlossen. 

Für einmal war noch etwas Kraft vorhanden, hatten sie alle gut gearbeitet. Zufriedenheit stärkte Resttatendrang. Seine Beste schlug deshalb vor, noch über den Main zu Frankenstolz zu fahren, um sich eine neue Überdecke und ein Kissen zu kaufen. "Hat es dort einen Media-Markt in der Nähe?" Ja. Man beschloss, zuerst bei Frankenstolz reinzuschauen und danach zu entscheiden, ob der Hund fit und an Kräften noch genug war, um in einen Media-Markt zu gehen. Alles gut. 

Ein Media-Markt befremdete ihn stets von Neuem. Dieses lila-kalte Licht grauste ihn. Und er, der kein wirklicher Konsument, kein Shopper war, konnte mit all der Auswahl an Geräten und Sortimenten nichts anfangen. Für das Angebot hatte er keinen Zugang. Wenn er also durch einen Media-Markt schlich, dann zielstrebig dort hin, wo er seinen Bedarf vermutete. Anderes konnte ihn nicht vom Weg abbringen. Ihm war danach, sich Musik-CDs zu kaufen, was in letzter Zeit wieder häufiger vorkam. Die stehen im hintersten Bereich des windungs-reichen Ladens. Er hatte noch keine Idee, wonach er suchte oder was er gerne hören würde. So streifte er mit seinem Blick die '100 Neuheiten'. 

Da er auf diese Weise beim letzten Kauf gute Erfahrungen gemacht hatte, achtete er sich während des Blickestreifens, was gerade vom Geschäft abgespielt wurde. Er blieb an diesen bekannten Klängen gleich hängen, dieser Rockstimme mit Vibrato, den Moog-Synthesizern. Noch sah er sich ein Regal an, aber dann lies ihn der Sound nicht mehr los und er strebte stracks auf den Ladenraum zu, wo ein Verkäufer sein Büro etc. hatte. "Was lassen Sie gerade abspielen? Das ist mir bekannt, aber ich komme nicht darauf? Das kennt man doch." Der Verkäufer drehte auf der Theke lapidar einen CD-Umschlag rum. Uriah Heep - aus den Lautsprechern begann 'Easy Livin'. "Yeah, die muss ich haben." Der Verkaufsmitarbeiter, sportlich, doch in den Jahren wie er selbst, begleitete ihn motiviert, als ob man sich verstünde, zu einem Regal, wo Neuauflagen für "Fünf Euros" angeboten wurden: Thin Lizzy, Procol Harum, Deep Purple, Uriah Heep, Status Quo, etc. Klar griff er sich die Uriah Heep CD und weil er sich in seiner kindlichen Jugend, also mit ca. 12 - 15 Jahren nie eine Status Quo gekauft hatte, tat er es heute, schier 40 Jahre später, die fünf Euros war ihm das Abenteuer wert.


Späte Neuzugänge / Bild: (c) bei Jona Jakob, privat

Er freute sich über die beiden Fundstücke und setzte seinen Check durch die Regale fort. Einen Verkaufstisch weiter stiess er nochmals auf den Verkäufer, der jemanden bediente. Zurückhaltung fehlte und so sprach seine Begeisterung: "Ich flippe schier aus, ich könnte hier wegen dem Sound abtanzen, so geil, das ist echt, was ich noch von früher kenne - danke nochmals für die Bedienung." Der Verkäufer nickte grinsend und in einer Mischung aus Jahrgang, Kenner und und Altersbruderschaft, die jenen späten Jahrgängen, die solche Musik nicht kennen lernten, etwas Verschworenes voraus hatte. Für die Musik musste  man entsprechenden Jahrgang haben. Prompt bestätigte der beratene, reifere Kunde in Shirt und Shorts, dass ja solcher Sound jetzt wieder angeboten würde, er möge das auch. - Dann gab es ein Doppelalbum Goa, aber das war für ihn eine spätere Zeit, als er zu Goa in Wäldern oder auf Gipfelhöhen sich mit dem Kosmos verband und durch die Nacht schwang. 

Seine Beste hatte sich um einen Wasserfilter für die Kaffeemaschine gekümmert und liess wissen, dass sie zurück zum Auto und zum Hund ginge und er solle doch einfach machen. Er fand die Kasse. Er hätte sich nicht weiter geachtet, wenn die Verkäuferin, sicher nicht viel jünger als er, nicht seine CDs so genau angeschaut hätte, nachlesend, was auf dem Cover bei Status Quo stand und bemerkte: "Die muss ich nachher auch noch haben, das war damals eine gute Zeit." Man verstand sich. Erneut fiel, diesmal von ihr, die Bemerkung, man müsse halt etwas Alter haben, um das noch zu kennen - ! Man verstand sich ohne grosse Worte und wünschte sich gegenseitig ein entspanntes Wochenende. 

Im Wagen legter er Status Quo gleich ein und erlebte eine Rückfahrt, die er sich so nicht ausgemalt hatte. Normalerweise war nur er es, der bei Musik mitging, aber diesmal und zu seiner freudigen Überraschung schwang seine Beste mit. Entzückt aber auch leicht mystisch verunsichert trieb er den satten Wagen über die Piste heimwärts, spürend, wie in dem Laden mal keine Jugend vortrat, sondern eine Energie der 60er-Jahrgänge das Klingen und Schwingen hatte, allem Kaltlicht zum Trotz, tief unter allem die Freude und das Gefühl für alten Rock. "What ever you want" - nur Headbangen zur Luftgitarre war am Steuer nicht drin. Passt schon, bei etwas Lautstärke. Und nix mehr von Abgeschlagenheit. 


Montag, 21. April 2014

Basel, 18-22g

Es ist Freitag, ich sitze im 18:00 Uhr Zug von Basel nach Frankfurt. Weil es entspannt ist, setze ich mich für einmal in den Speisewagen und bestelle. In Basel Badischer Bahnhof steigen weitere Gäste ein, darunter zwei Herren im mittleren Alter, hager und hochgeschossen, körperlich sozusagen 'elitär'. Sie sitzen auf meiner Höhe an einem der grossen Esstische und bestellen je ein Bier aber kein Essen. 


Während mir die Königsberger Klopse mit Reis und Kapernsauce serviert werden, vertieft sich deren Gespräch, ich konnte anfangs erst nicht folgen, mehr und mehr in das Thema, woher und bei wem man die besten Labormäuse oder Affen beziehen könne. Dabei ging es ohne jedes Zögern um 'Stillhalten' der Tiere, 'Reagieren' oder 'Schädelhärte' um da was aufzumachen oder einzusetzen, bis zu sezieren. Jemand der etwas feinfühlig gewesen wäre, hätte seine Fleischklösse stehen lassen. Ich nicht, ich bin Koch. Aber es scheint so, auch beim Einkauf von Versuchstieren scheinen lapidare Kriterien zu bestehen, über Herkunft, Qualität und Verwendungszweck. Freiburg, die Herren steigen aus. Ich bin innerlich bei Houllebecqs 'Elementarteilchen' - das Hantieren mit dem Besteck auf dem weissen Teller fühlt sich nach Labor an, so präzise ich versuche, letzten Reis auf die Gabel zu kriegen.


Text von Jona Jakob, April 2014 - Copyright Jona Jakob ©

Sonntag, 20. April 2014

Folgen

Das Sterben des Menschen vom späten Herbst kam absehbar und doch überraschend. Nun war er aufsmal tot. So kamen viele Dinge erst einmal "rasch". Die aufeinmal fremden Entscheidungsträger, denn selbst die fortlebende Frau wirkte in dem Moment als Fremde, wenn es um Entscheidungen seiner Bestattung ging, ergaben sich - teils unwillig, teils erleichtert - den knappen, immerselben Angeboten der Bestatter, des Friedhofes, des Redenschreibers und Steinmetz, dem Blumenladen und der Regionalzeitung. Man nahm was kam, folgte diesem schmalen Rahmen, in dem man sich unter dem Begriff Pietät behalten sollte, versuchte selbst darin noch Demut zu beweisen (nur schwarz-weisse Traueranzeige, nicht bunt) und überhaupt wäre es möglich, dieses Anschliessen ans Gegebene als dankbar zu beschreiben, weil man nicht entscheiden mag, weder vorher, dass man sterben könnte, noch danach, wenn tot, dass wer nun tot sei. Bei aller vorgekehrter Gestandenheit ist wenig Format dabei. 

Und dieses geringe, noch anerzogene Duckerformat ist ein tolles Opfer all der Gesetze, Regelungen, Erfindungen und geschickten Einbettungen sämtlicher Betriebe, die mit dem Bestatten zu tun haben und an ihm verdienen. Die haben sich über die Jahrzehnte fein eingerichtet, da gibt es keinen Handgriff, der nicht überteuert wäre. Es ist der blanke Hohn, wieviel Geld damit gemacht wird, dass wir Lebenden in der Not sind, einen Toten aus der Welt bringen zu müssen. Wehe, wenn wir den selber fahren wollten, oder woanders bestatten, oder sogar auf eigenem Grund und Boden. Nix da. Für alles gibt es Gesetze und die Totengräberlobby hat sich das längst in die Bücher schreiben lassen, was geht und was nicht bzw. wie jemand gehen darf und wie nicht.

Text von Jona Jakob, April 2014 - Copyright Jona Jakob ©

Samstag, 19. April 2014

Dare

Letzthin sass ich im Zug von Zürich nach Basel auf einem Platz am Gang. Drei Sitzreihen gegenüber sass ein junger Mann, denn ich gut und von Kopf bis Fuss sehen konnte. Dieser war auffallend eigenständig elegant gekleidet. Grossartig. Sein samtfeiner Manchesteranzug, seine eigenwillig breite Kurzkrawatte, das Türkishemd zum Aubergine des Anzugs. Das crèmige Brusttuch. Seine Schuhe, ledern und halbhoch', die Frisur weich, brutaler Chronometer und bravourös gewählte Ledertasche. Manikürt. Er kam daher, als hätte mir die Französische Küche ein Amüse-bouche kredenzt, wie ich es noch nie gesehen noch gekostet hatte. Spitzenklasse, einmalig, bestaunenswert, gekonnt - höchst gekonnt.

Doch so gewählt, sass der junge Mann als einziger im Wagen. Alle anderen Pendler waren von achtlosem Mainstream-Cashual oder funktionaler Sportlichkeit. Nicht einer oder eine, die zu dem Edelmann gepasst hätten. Und, so schien es mir, als er sich fürs Verlassen des Wagens in Basel erhob, niemand, zu dem er passte, keiner, der in irgend einer Weise an ihn gelangte. Ein Solitär im wahllosen Schleifenlassen jeder Konvention der letzten 50 Jahre gesellschaftlicher Entwicklung, einer Art erreichter Freiheit hin zur Non-Form, aber eben, dann auch niemand mehr da, der es pointiert und gekonnt betreiben, zelebrieren und leben mochte. Niemand, der sich liebte, wenn er zu Human League tanzte.


Jona Jakob, April 2014

Dienstag, 19. November 2013

Misty fog grey

>> Kannst du 'misty fog grey' noch ein bißchen definieren in Buntstiftfarben-Angaben? <<


"Hmmm...."

Weites Feld, alter Baumbestand, der Rahmen für ein Ölbild. Knappes nebelkaltes Licht. Kälte wie in diesen Tagen. Feuchte Schwaden dringen zu den Ärmeln und am Kragen rein. Sie trägt schon Stiefel, den Kragen oben und ein dickes Halstuch, als mir ein Hauch Sandelholz und Vanille anfliegt.

Es knirscht nur der Kies unter den Sohlen. Schweigend geht man nebeneinander her. Erste Begegnung, nach all den Briefen. Eigentlich ist es ein Nullpunkt, so beim ersten Mal. Das Gehen, es verhindert einen stockenden Atem. Der Puls bleibt unterm Wollenen versteckt. Beider Blicke vereint im sich verlierenden Grau des Nebels. Da hakt sie sich bei mir unterm Arm ein und schweigt weiter:

Misty Fog Grey.


Text von Jona Jakob, Jan 2009 - Copyright Jona Jakob ©

Sonntag, 10. November 2013

Drinnen in Hemd und Hose

Er war noch nicht ganz wach. Warum er wenig geschlafen hatte, war ihm nicht klar. Die unruhige Nacht hing in seinen Gliedern, ein Auge auf sah er zum Himmel rüber. Er wusste nicht, wie liegen, der Rücken und die Beine schmerzten und der Atem blieb flach.

Wer vor ihm rumtanzte, war seine kleine Hündin Phibi. Die schien wach, gewohnt, den Wochentag eine Stunde früher zu beginnen, was einen Spaziergang und 'Frühstück' bedeutete. Er staunte, was der Hund für eine innere Uhr hatte. Nun war sie fibbelig, für sie hätte längst alles losgehen müssen. Phibi war immer ein guter Grund aufzustehen.



Phibi / Bild: (c) bei Jona Jakob, privat


Er setzte sich auf, suchte nach frottierten Hotelschlappen und schlenderte zum Toilettengang. Danach zog er sich an, kein Duschen schon, die Kleider noch vom Vortag. Es war sonst niemand auf den Beinen, das Haus schlief. Es gab keinen Grund, was zu sagen oder sonst wie aufmerksam zu sein. Einzig Phibi hing ihm am Bein, wenn er seine Hosen hochzog. Hosen hochziehen bedeutete 'Weggehen' und da sie sich nicht sicher sein konnte, ob dann mit ihr oder ohne sie, machte sie auf sich aufmerksam. Hundegeschirr, Leine, Säckchen, manchmal schon den Spielball - aber heute nicht, dafür etwas Geld. Samstag, da ging er mit dem Hund zum Bäcker. 

Draussen war Wetter. Von einem Sturm zogen eindrucksvolle Wolken am Himmel. Die Luft war nicht zu kühl, der Wind hielt sich zurück. Herbstlaub von Bäumen, das war vorbei. Es fiel in den letzten Wochen, wurde schnell entsorgt. Schade um den Spass, gerade hier, wo er wohnte und Grund und Boden aus Sand bestanden. Das ergab ein trockeneres Bodenklima als sonst wo und so waren die Blätter gross, golden und dürr, so dass sie laubwarm rochen, herumwirbelten und beim Durchschreiten raschelten. Um den Hund zu ärgern, trat er mit dem Fuss ins Laub, was Phibi erschreckte und ihr ungeheuer blieb. Heute doch schien die Strasse gesittet. Spürbar vielmehr jene Nacktheit, die von den leeren Bäumen ausging. Das machte das Strassenbild schwarz-weiss und es traten die Häuser und Fenster hervor, dunkle Flächen auf weissem Hintergrund, trist und nackt wie Winter.

Damit machte der Bäcker vermutlich einen Teil seines Geldes. Sein Laden schien schon von weitem golden. Der leuchtete kräftig und einladend und so präsentierten sich seine Backwaren, die Brötchen, Gebäcke und Süssigkeiten. Morgendliches grüssen, dann kaufte er ein. Meist war es zu viel, was er sich nicht abklemmen konnte. Die Kleine hatte Stalldrang oder wusste, es würde Futter geben. Zur Wohnungstür rein, steuerte Phibi ihren Napf an. Heute musste sie warten. Das tat sie vorwurfsvoll. Er musste lachen.

Durch seine Wolljacke spürte er die Wärme des Zuhauses. Er fror selten, mochte diese morgentliche Frische des frühen Spaziergangs. Für ihn fühlte sich das wie eine kühlende Dusche an, wenn Wind sich durch die Kleider presste und sich auf die nachtwarme Haut legte. Eine Tasse Kaffee. Futter für den Hund. Danach beruhigte sich die Szene. Phibi legte sich hin. Draussen belud ein Nachbar seinen Wagen mit Fahrrädern, Frau und Kindern. Drinnen wusste er nicht genau, wozu er in Hemd und Hose dasass.


Text von Jona Jakob, September 2013 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 4. Oktober 2013

Samstag und Werte vom Werten

Wären alte Zeiten, die Sachen hätten noch Knöpfe oder Regler. Aus richtigen Lautsprechern käme ganze Musik. Draussen wird es Herbst. Lenny Kravitz spielt 'Let love rule'. Bestimmt.

Ich meinte, das Leben würde leichter. Teils, teils. Wie mir scheint betrifft dies mehr das Formale, das Alltägliche. Doch was das Ausschweifen betrifft, die Schwärmerei, Sehnsüchte und kleine Formen von Taumel, die, so scheint es mir, sind mühsamer zu finden, kaum noch zu erleben, meist einsamer. Ich zünde mir eine Zigarre an. Einer meint, ich sei mir schon um den Krebs bewusst, den ich riskiere. Ein anderer fragt nach der Marke, möchte den Kenner geben, stört das Schweigen mit Geschwätz über Humidors, merkt darob nicht, dass er nervt wie der Gesundheitsapostel.

Letzthin war gut. Da traf ich mich mit einem zum Frühstück. Dem bin ich an 'nem Info-Abend begegnet und irgendwie passt es mit uns. Er bemerkte dort, dass die Sache mit der Wertschätzung auch mal ranzig werden könne. Das löste bei mir ein Lachen aus. Nun sassen wir beim Frühstück im Café Ernst und wussten nicht genau warum. - Gerne würde ich mit wem Jarrett hören, bis wir es nicht länger ertragen würden. Mit jemandem, der mitpfeifen kann, einem, der weiss, was wann einsetzt, wann es sich verliert und wo die feinen Momente sind, wo Jarretts Spiel mir die Hand aufs Herz legt.

Toll wäre ein Musikverkäufer, der mir im Geschäft zehn, fünfzehn CDs hinlegt, weil er meine Richtungen kennt, in die ich suche, reinhöre, geniesse, kaufe. Einer der weiss, wer mit wem im Studio stand und warum das seinen Einfluss hat. Und danach treffe ich mich beim Italiener - es ist Samstag. Mittags kann ich ein Glas ertragen, die Herbstsonne lädt gerade zu ein. Terrasse.

Es hat etwas unbeholfen Verlorenes, dass ich immer wieder dieselben Sachen möchte, die nicht sind. Man könnte meinen, ich käme nicht vom Fleck, wäre der immer selbe Langweiler. Dem würde ich zustimmen, würde ich meinen Faibles nachleben, machen, tun. Aber dem ist nicht. Erbärmlich. Ich putze die Küche, falte T-Shirts zusammen, streiche glatt, räume weg. Ordne - säuberlich.

Unterwegs bin ich mässig aktuell, mit Rollkoffer, Ticket, Geschäftigkeit und einem Kopfhörer. Ein Kopfhörer scheint besonders wichtig, um aktuell zu sein. Wegen all der farbenen mit grossen Hardplastikschalen habe ich mir so einen aus dem Sprachlabor gekauft, ohne Mikrofon, schaumstoffen, atmungsaktiv und Grau in Grau. Gegen den Trend hat er sehr wenig Geld gekostet. Damit hat er Chancen, später zerschnitten zu werden, damit ich an die Kabel Lautsprecher verdrahten kann. Weiss wer noch, als man Lautsprecher verdrahtete, um zu Sound oder mehr Sound zu kommen? Lautsprecher, diese Mannsinsignien, die jedem Wohndesign zuwiderlaufen, ausser man sei ein Don-Johnson-Lümmel und fände sie geil, symmetrisch gegenüber dem Jetbett. - Ich überlege mir, dass es ja nicht die alten Aufregungen sein müssten. Hat denn nicht jede Zeit Dinge, denen man mit Freunden verschworen nachgeht?

Bei Minusgraden draussen auf dem Töffli rumsitzen, bloss nicht nach Hause. Sonntags die Karre mit Surfbrettern bespannen, ob je gesurft wurde oder nicht. Hauptsache übertrieben und angeben. Mit dreissig war's dann witzig, ne Ami-Karre zu fahren, so dass man zu dritt vorne sitzen durfte, sich wo Drogen beschaffen und die nächste Goaparty anrollen. Heute sollen Fahrten auf der Weinstrasse oder mit dem Rheinschiff mich bespassen. Auch sollen mich Präventionen beschäftigen. Meinen Arsch durchleuchten, abnehmen, Zucker messen. Messen ist Gesetz, will weiss wer noch Werte ausgewiesen haben. Werte - sind das die neuen Werte?

Und nu? Einen Blogg schreiben? Whisky kellern? Scheiss sammeln? Einen Hund habe ich schon. Fliege tragen? Lederbatten auf den Ellbögen des Manchesterjackets? Dandytücher? Frisur wie Tennis-Borg? Bart?

Samstag. Was an Inhaltlichem bringe ich mit und wem?


Text von Jona Jakob, September 2013 - Copyright Jona Jakob ©

Montag, 3. Juni 2013

Namaste

Vor zehn Tagen fuhr ich im ICE von Zürich nach Frankfurt. Bis Mannheim war ich mit zwei älteren Damen im Gespräch, welche in Basel Kunst besuchten. Die eine Dame stieg in Karlsruhe aus, mit der zweiten gewann das Gespräch noch an Kontakt und Verständnis. 


In Mannheim, der Zug stand schon, verabschiedeten wir uns namenlos, doch die Dame, beinah schon sich abgewendet, rückte sie sich zurecht und stellte, wie zum asiatischen Gebet ,ihre freie Hand in gestreckt offener Haltung vor sich an die Brust und sprach mir dann, sich verbeugend, ein "Namaste" aus, eine Geste, die, wie mir in dem Moment schien, sie machen wollte, aber nicht immer und nicht für jeden, so unsicher war sie darin und doch willentlich nachdrücklich, um noch etwas mehr zu sagen, als das zuvor geäusserte "Danke, tschüss. Kommen Sie gut nach Hause.."



Jona Jakob, Juni 2013

Montag, 20. Mai 2013

... und einem von Zärtlichkeit verzauberten Herzen

Suche die Freiheit so heftig Du vermagst; aber Du wirst Dich nie befreien können von einer dumpfen Sehnsucht nach einer tiefen Liebe. Denn ohne Liebe ist diese Welt eine tote Welt. Und es wird immer Stunden geben, da Du der Gefängnisse der Arbeit und des Mutes müde bist und Dich nach dem Antlitz eines Menschen verlangt und einem von Zärtlichkeit verzauberten Herzen. 


Hans Willi Klaus Jakob / Bild: (c) bei Jona Jakob, privat

H. W. Klaus Jakob, 1980/81 ... mein Vater

Mittwoch, 15. Mai 2013

Ich möchte Menschen viel weiter über diese Brücke des Bestehens verführen

Weisst du, meine Liebe, mir ist es nicht mehr wichtig, dass sie ihre Potentiale in Stärken und Werken zu bündeln vermögen - unterdessen und mit den Jahren möchte ich Menschen viel weiter über diese Brücke des Bestehens verführen, dort hin, wo es ein wunderbares Gefühl ist, ein Taumeln und wohliges Sich-gehen-lassen, wenn Potentiale und Lücken Lücken bleiben, Nichtse, Leeren, Unsicherheiten, Bodenlosigkeit, Glatteis und Nichtortung ... dort ist es so erleichternd treibend, "samad", dort fliesst es und strengt nicht  weiter an. Dort ist Grösse, schier unmögliche Grösse ... 

Jona

Mittwoch, 8. Mai 2013

... höchste Form der Wertschätzung

"'Weg- oder fernbleiben' ist vielleicht die höchste Form von da-seiender Wertschätzung. 

Jona Jakob, Mai 2013

Montag, 6. Mai 2013

Park Schönbusch oder Schwärmerei fürs Geheimnis

Da mein kindlicher Berufswunsch 'Spion' war, träumte ich schon in sehr jungen Jahren von leeren Parkanlagen. Ich würde, da es November wäre, in einem grünen Lodenmantel und dem dazu passenden Lodenhut über gekieste Wege zum vereinbarten Treffpunkt schreiten und wortlos geheime Zeichen austauschen, auf das sich die Machtverhältnisse in dieser Welt verschöben. Das war damals mein Plan.


Jetzt muss man wissen, dass ich in Bern aufwuchs, Sohn zweier arbeitender Eltern, Mietwohnung, Schwarz-Weiss-Fernseher, kein Auto, also alles ganz normal, für die 70er-Jahre. Und obwohl ich doch oft reisen durfte, nach Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien, weiss ich bis heute nicht, woher ich die Idee des Klassizistischen, des Royalen, dem Grossbürgertum und sonst so Geschwulst her habe, gibt es solcherlei, auch historisch gesehen, in der Schweiz "nicht". Für mich lief man nicht oder ging, für mich schritt man. Mein Lieblingsmuster, ich war damals zehn Jahre alt: die französische Lilie, egal wie sich die Burbonen geschichtlich ins Licht rückten. Es durfte alles dunkelblau und tiefrot sein und gegen jeden Zeitgeist liebe und brauche ich heute noch gezierte Teppiche und keine platte Böden.

Diese Liebe blieb. Noch heute verpasse ich keine königliche Hochzeit, Geburt oder sonst solch Begebenheit. Und ich liebe die staatsmännische Geste, wo Kohl mit Miterand Hand in Hand stehen oder Willi Brandt in Warschau kniet. Selbst das ultimative Beordern der Royal Navy durch Margaret Thatcher, um die öden Felsen der Falklandinseln zurückzugewinnen, so dass auch am 'A...' der Welt die alte Ordnung wieder hergestellt sei, rief in mir jenes Gefühl wach, welches diffus und unerklärbar nach Zeug wie Ehre, Haltung, Einstehen und Klarheit rief. Was habe ich damals gedacht: "Versuch das mal in der Schweiz, mit ihrem 'Jääääähhh' und 'Ööööööhhh' und 'mir wöi lueeegä'." Ok, ich weiss, das ist alles juvenil missverstanden und verdreht.

Zurück zur Parkanlage. Wann immer ich dann nach Frankreich kam, Strasbourg, Gien, Nantes, Bourg, Dijon, Lyon, Montpellier oder wo sonst noch, ich liebte diese strengen Parkanlagen, für die sich niemand so richtig mehr interessierte und die für Touristen gepflegt wurden, die aber eigentlich zur Lust dienen sollten, zum Flanieren, Wandeln, Tagträumen und zum Geplänkel zwischen allerlei Geschlechtern. Für mich sind solche Parkanlagen und Rosengärten, Weiher und Auen Horte des Geistes, des Anmuts und der gelassenen Reflexion, die nicht unmittelbar nach Antworten sucht, da damit das Vergnügen des genüsslichen Müssigganges etwas an Würze verlöre.

Gestern, als mir Park Schöbusch bei Aschaffenburg gezeigt wurde http://de.wikipedia.org/wiki/Park_Sch%C3%B6nbusch , war in mir wieder alles erweckt. Wie in einem Leben vor meinem Leben geriet ich in einen anderen Schritt, der Rücken aufrecht, der Blick in der Ferne lieblicher Senken, Wiesen, Buschgruppen und Wäldchen, durch diese unsere Wege führten.

(Aus Quelle: 1) Der Park Schönbusch (auch Schöner Busch oder französisch Bois-Jolie) bei Aschaffenburg zählt zu den ältesten und größten im Stil des englischen Landschaftsgartens ausgeführten Parks Deutschlands. Er ist heute ein wichtiges Naherholungsgebiet.

Der Mainzer Kurfürst und Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal ließ ab 1775 in der Nähe seiner Nebenresidenz Aschaffenburg, in der er sich vorwiegend im Sommer aufhielt, einen Lustgarten anlegen. Ausgangspunkt dafür war das als Kurfürstliche Fasanerie und zur Jagd genutzte "Nilkheimer Wäldchen".

Ideengeber für die ältesten Gestaltungselemente war der kurmainzische Staats- und Konferenzminister Wilhelm Friedrich von Sickingen(1729–1818). Der Architekt und Ingenieur im Offiziersrang Emanuel Joseph von Herigoyen (1746–1817) begann ab 1775 damit, die Planungen umzusetzen. Die Vorstellungen orientierten sich ursprünglich am Ideal des jardin anglais-chinois; so entstanden unter anderem auch spannungsvolle Landschaftselemente wie die Kaskade und sogar dramatische Parkstaffagen wie die Teufelsbrücke.

Die landschaftsgärtnerische Umsetzung des damals auf dem Kontinent noch wenig bekannten englischen Stils wollte anfangs allerdings nicht so recht gelingen. 1783 wurde schließlich der Schwetzinger Hofgärtner Friedrich Ludwig Sckell mit der Parkgestaltung beauftragt. Vor allem von Sckell hat den Grund gelegt für die über 200-jährige Entwicklung, als deren Ergebnis das heutige Erscheinungsbild des Parks zu betrachten ist. Die Parkanlage wurde von Beginn an als Volksgarten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vom Übergang des überwiegenden Teils des alten Mainzer Oberstiftes an die Krone Bayern, 1814, gehörte der Schöne Busch bis zum Ende der Monarchie, 1918, zu den königlichen Hofgärten. Heute wird er von der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen verwaltet. (1: Wiki)

Egal, ich hätte gerne meine gerüschten Kniesocken gestrafft und die Perücke gezupft, noch etwas die weissen Handschuhe ausgeklopft und wäre dann, 'in flagranti' unterwegs, dem Duft einer Holden gefolgt, begleitet von Schmetterlingen und Zwitschervögel, auf das ihr Odeur aus dem Hause Guerlin seinem Namen alle Ehre machen würde. Ein Ruderboot, ein Stelldichein, ein Sonnenschirm für Madame, und mein Geflöte aus Büchern, Versen oder sonst Weltlichem. 

In mir vermisst es dieses Gehobene und Gestellte, im Sommer Leuchtende und des Herbstes nebliges Heim. Der Park. Ich möchte hier denken und etwas schreiben. Hier zieht es mich an, das Gepflegte und Grosszügige. Hier danke ich heute jedem Visionär, mir vor 200 Jahren die Zukunft gelegt zu haben. Denn da, in der Verschlungenheit von Wiesen und Schatten, Brücken und Bächen, zwischen Türmchen und Irrgarten und der Natur Färbungen, da lässt es sich in aller höchstem Genuss von Gepflogenheit ein Geheimnis bewahren, ein Stillschweigen, ein unausgesprochenes Verstehen, den 'Jardin des Bagatelles', dessen Kuss kein Wort vorauseilt.

Ich bin wieder hilflos ergeben ... - und das gestern.


Text von Jona Jakob, Mai 2013 - Copyright Jona Jakob © ... mit Ausnahme des Wiki-Teils.

Donnerstag, 25. April 2013

Internet-Provider oder Hohle-Gasse-Geschäftsmodelle

Es geht mir nicht darum, irgendwie stolz auf etwas Selbsterkenntnis zu sein oder zu betonen, dass es mir gut tut, Internet, Mail und Mobile wieder als reine 'Werkzeuge' bewusst machen zu können, womit ich meine, meine Lust am Tummeln im Internet unabhängiger wird. 

Vielmehr will ich schreiben, dass ich bei meinen letzten beiden Umzügen beinahe meine Bücher weggeben hätte, da ein Kindle alles regeln würde. Doch ich habe sie behalten. 

Ich wollte auch schon alle ca. 500 CDs an einen Re-Buyer schicken, nicht nur des Geldes wegen oder weil der Keller etwas leerer wäre, sondern weil die mir wichtige Musik auch im Notebook erhältlich ist, ob gebrannt oder als Stream. Doch NEIN, ich behalte die Dinger, nicht zuletzt zu erwähnen, dass ich auch ca. 300 Vinyl-Langspielplatten trocken und sicher aufbewahre. Meine Stereo-Anlage ist weniger 'commercial' than 'high end', ich weiss also noch, wie es eigentlich klingen müsste.

Meine Kontakte und Verknüpfungen habe ich nach fünf Jahren XING so herzlich beisammen, dass ich mit denen längst in realem Kontakt stehe. Virtuelle, gesammelte oder gekaufte "Friends" habe ich nicht. Und nicht zuletzt bin ich mit mir wichtigen Kontakten im Internet gar nicht mehr verknüpft, die Bande hält über alles hinaus auch 'ohne'.

Noch vor kurzer Zeit wolltet ihr mich dazu verführen, mir leichte mobile Internetgeräte zu kaufen, die weder Programme noch Software benötigen würden, da ja alles aus dem Internet bezogen werden könne, just-in-time. Doch nein, ich habe noch ein solides Notebook, das wie ein Computer vollständig funktioniert, mit Laufwerk und Software, die auch hier im Regal aktuell und unabhängig steht, legal erstanden und mir.

Meine Bilder und Daten in eine Cloud hochladen? Bestimmt nicht, never! Es sei irgendwie sinnvoll, meine Datenmengen fremdbestimmt einzulagern, weil ich sie dann auf mehreren Geräten aktualisiert nutzen könnte? Schwachsinn. Vielmehr mache ich mich zum abhängigen Trottel von Filtern, Überwachungen, hohlen Gassen und Geldmaschinen. Bin ich da je davon abhängig, wird es eines Tages kosten.

Ich besitze bewusst kein Smartphone, weil mir das mein Notebook liefert, was ich brauche. Den Rest an Lebensmut bewältige ich mit all den Erfahrungen, den erfolgreichen aber auch den scheiternden, dich ich eh gemacht habe - und was soll ich sagen: gegen sieben Jahre Pfadfindertum, windlosem Segeln auf dem Zürichsee und ein paar 100-Km-Läufe kommt ihr mir mit Google, Navi, Wiki etc. nicht so weit an, als dass ich vor lauter Abhängigkeit mich nicht durchzuschlagen wüsste. Ich habe Koch gelernt, vermag freundlich und aufrecht "Guten Tag" zu sagen oder nach dem Weg zu fragen und kann Schreiben - das genügt vollauf.

Schreiben ... ich besitze noch ein eigenes WORD oder einfach gesagt OFFICE-Paket. Ich muss nicht auf Cloud-Software vertrauen, ob für meine Schriftdokumente oder deren Versand. Glaubt mir, vor wenigen Tagen habe ich meine diversen Briefpapiere, Umschläge und Karten bis hin zu Postmarken hier feinsäuberlich geordnet. Die liegen also ganz konkret vor. Ich kann mit denen bestens.

Wessen Geschäftsaktivitäten ich nur noch mit einer Facebookmitgliedschaft wahrnehmen kann, der muss auf mich als Kunden, Liker oder Friend verzichten. Ich habe Geld, eine Bahn, ein Telefon und Lebenszeit, mich ganz real zu orientieren.

Und so möchte ich wenigsten mir selber bewusst machen, dass es ein Hohn sein muss, mich vor wenig Zeit über alle Daten (Dokumente, Fotos, Videos, Musik) ins Internet und Clouds zu verführen, mir das Internet per App und Fremdsoftware als "leichter, schneller, geiler" zu verklickern ... und nun die Datenmengen so zu regulieren, dass ich spürbar abhängig am Tropf hängen soll.

Nö. Ich werde wegen euch nicht durch diese hohle Gasse kommen müssen. Für den Bedarf kein Angebot zu haben, ist diesmal nicht meine Schwäche, sondern eure. Ich werde genüsslich mal in eines der Bücher gucken, eine LP auflegend.

Cheers.

Jona Jakob


Text von Jona Jakob, März 2013 - Copyright Jona Jakob ©

Montag, 22. April 2013

Dich oder die anderen.

Spürst du nicht dich selbst, spürst du nur die anderen. 

Jona Jakob, April 2013

Wenn es sich selber zeigt.

Je älter ich werde, desto mehr geniesse ich jenes Gefühl, wenn ich etwas nicht verstehe. Früher wollte ich etwas Unerklärbares dringend checken, erahnen, forschen, eintüten, bewerten. Heute wird das immer seltener - ich warte ohne Verstehen einfach ab und lasse diesen Platz frei. Aufs'mal zeigt es sich mir, wie es ist, wiegt, steht und wo es hingehört. Es hat sich dann selber gezeigt. 

Jona Jakob, April 2013

Sonntag, 31. März 2013

Wie der Herr mir eine Aufgabe ermöglichte


Obwohl seit Geburt konfessionslos, das existenzialistisch erzogen, war ich viel später eine Weile verheiratet. So kam es, dass ich durch meine damalige Frau in die protestantische Kirche in Zürich Wiedikon, Kreis 3, kam. Da ich die Pfarrersfamilie und viele Nachbarn aus der Kirchgemeinde sehr gut mochte und ich eine Chance sah, einen Beitrag leisten zu können, organisierte ich mehrere Jahre das Osternachtfeuer. 



Der Anlass begann in der Dunkelheit des frühen Ostermorgens in verdunkelter Kirche. Orgel und Bläser spielten im Turm, so dass das Viertel beschallt wurde. Dann reichten wenige Kerzen, die grosse Gesellschaft im Schiff zu vereinen. Alles, was die Liturgie betraf, war für mich tabu. Hier kümmerte sich mein Freund Conrad Zwicky, Organist, für die Realisierung. Ich sorgte, Bereich 'Gastro', fürs Programm, die Koordination und last but not least für ein Frühstück, welches in den Jahren darauf den Zulauf an Teilnehmenden stets erhöhte. 

Das Tolle und zu tiefst Eindrückliche an dem Anlass aber war, dass im Verlauf der Liturgie, die sich mit dem 'Hoffen auf die Auferstehung Jesus'' befasst, der Tag anbrach, so dass es in der Kirche ansatzweise hell und draussen beim Feuer noch heller wurde. Das Erhellen linderte die Anstrengung für die Augen und gab einem so etwas wie Sicherheit zurück. Diese Verbindung von Gedanken an ein heilvolles Auferstehen und das Erscheinen des Tages blieb eindrücklich und von starker Kraft zurück. 

Damals rief es sich: Kyrie eleison - Herr, erbarme dich. 

Dieses Jahr nutze ich Ostern, um die Tage verstreichen zu lassen, ebenfalls eine Art Akt, Dinge vergehen zu lassen, damit neue sich hervortun. 

Besinnungsvolle Ostergrüsse.


Text von Jona Jakob, März 2013 - Copyright Jona Jakob ©

Dienstag, 5. März 2013

Das Dumme an meiner Empathie

"Das Dumme an meiner Empathie ist, dass ich dir ganz und gar nachfühlen kann, aber das Problem nicht mag."


Jona Jakob, März 2013

Sonntag, 27. Januar 2013

Affig

Noch dümmer als eine Winterdepression ist es, solcherart ausgebildet und entwickelt zu sein, sich davor bewahren zu können, die Anzeichen erkennend und Gegenmassnahmen ergreifend. Man sitzt dann genau da in der Falle, zwischen Lichtkur und Vitaminpräparaten, Missbräuchen von Hundespaziergängen und einer Art dämlichen Stolzes, noch nicht zur Flasche gegriffen zu haben. Man wehrt sich gegen Süsswarenverzehr und beschneidet sich die Fersehstunden. Man tut so, als würde man lesen. Bei allen möglichen Abschweifungen ist der Haushalt gemacht, nichts ist mehr zu tun, die Aussentemperatur liegt im Minus, so dass man sich auf dem Strasseneis keinen Hüftbruch holen möchte. Man schaut "gut" zu sich, als wäre es Leben, wenn man sich vor ihm zu bewahren vermag.

Bild: (c) bei Jona Jakob, privat. Selfie.

Der Absturz ist gesellschaftlich nicht drin. Die Kunden würden sowas krumm nehmen. Sie kommen, um sich wieder ins Leben stellen zu können und nun schliddert der honorierte Begleiter in seelische Schieflage? Das geht nicht. Dabei kann niemand im Winter fliehen. Die Tage sind düster, die Kälte macht alles schwer. Allein dieses ewige An- und Ausziehen. Rein in die Kleider, raus aus den Kleidern. Schuhwerk zum Wandern, Nässe und beschlagene Brillengläser. Es friert einem latent und der Körper ist angehalten, genügend Energie zu produzieren, ob morgens auf dem Arbeitsweg oder abends im Wohnzimmer. Draussen scheint kein Sonnenstrahl, draussen herrscht ein Grau. Nordwind lässt einem das Gesicht erstarren. Bei Minusgraden mag man nicht einmal etwas Tabak rauchen. So ist es erneut kurz nach neun Uhr morgens, nichts ist zu tun, der Himmel bietet keine Fluchtmöglichkeit, die Jahreszeit auch nicht. Und so erhalte ich mich nah dran am Absturz in einer Form, die dem depressiven Gefangensein nicht viel unähnlicher scheint und halte mich, nicht minder peinlich, vor der Scham, die Haltung zu verlieren. Wie lächerlich. Vielleicht sollte ich einen Strauss Tulpen kaufen.


Text von Jona Jakob, Januar 2013 - Copyright Jona Jakob ©

Künstlerpaare

Es geht dabei aber nicht wirklich um so etwas wie Liebe, die wir allzugerne allem anbatschen, was harmonisch, zweisam oder miteinander wirkt. Es geht dabei vielmehr um SPIRIT. Man ist vom selben Geist getragen, nährt sich daran, quillt hervor, saugt ab, ergänzt. Man geht von einer Geburt zur anderen. Gleichzu verwirft man, zerstört, findet es Unsinn und Nichts und malt bereits das Neue, das noch genauer Gedachte. 

Gemeinsamer Spirit ist eine Art Verbündung - und bloss weil dann mal ein Mann und eine Frau so verbündet sind, ist es nicht um jeden Preis gleich eine Liebe. Hass und Kampf beziehen in selber Intensität und auch Paare zweier Männer oder Frauen ergaben Künstlerpaare, weil nur dieses andere Wesen zählte, egal sein Geschlecht. 

Die 2er-Kiste
- ermöglicht den Dialog, vom Einverständnis bis hin zum fatalen Vernichtungsstreit
- ermöglicht den Kreisschluss gegen alle anderen, die einem anfeinden
- ermöglicht die gegenseitige Bestätigung, so dass man sonst niemanden braucht
- schützt vor jeder Scham, Armut, Geldnot und illegalem Ge- und Verbrauch
- bewahrt Geheimnisse
- und zum Schluss tötet sie sich gegenseitig als Gang in den Tod, als Mit'Gift.

Das Zweisame ist ein horrendes Mehr an Werk, an Arbeit, an Leistung und Bewegtem.

Oft ist die Kraft so enorm, dass man ohne den anderen nicht könnte. Aber genau das ist nicht Liebe. Das ist in seiner Fatalität so viel mehr, ist Tanz auf dem Vulkan, ist Auf- und Niedergang und viel Abhängigkeit, die man nicht missen möchte.

Es ist so einfach, alleine zu leben.  
Es ist so fatal, sich jemanden auszusuchen, mit dem man ringt.


Text von Jona Jakob, Januar 2013 - Copyright Jona Jakob ©


Renate Milena Findeis, Prag, schrieb mir dazu: 

Dem Ringen mit mir selber - kann ich entgehen, indem ich mir einen Sparring Partner suche, der das gewünschte Echo, das ich nicht produzieren kann, hervorruft. 
Wenn die Erwartungen ausgeblendet werden, die Ideale nicht mehr das bestimmende Element sind, entsteht Platz für Lebendigkeit.

Schreib-Blog von Milena Findeis: www.zeitzug.com  

... danke Milena.

Mittwoch, 18. Juli 2012

Am Ende des Bahnsteigs

Wenn ich reise, fängt das zu Hause an. Ich muss an viele Dinge denken. Die Heizung zurück drehen, den Abfall runter bringen, dreckige Wäsche mitnehmen, Dokumente einpacken, Licht aus. Vor der Türe prüfe ich mich auf Schlüssel, Ticket, Geld, Ausweise und Uhr.

Das erste Stück gehe ich vom Haus weg, in dem ich wohne. Es ist, als laufe ich aus der Nachbarschaft raus. Das Gefühl des Entfernens macht mich leichter. Ein paar Häuser weiter zieht es mich an die Bushaltestelle. Ich sehe nicht, ob gleich ein Bus kommt. Bis an die Hauptstrasse runter ist mir die Sicht verwehrt. Manchmal fährt mir dann der Bus davon und so, wie mich das kurz säuert, denke ich auch, "egal, reise - mach langsam".



Für den Bus muss ich an Kleingeld gedacht haben. Die Taschen hinstellen und ein Ticket lösen. Im Bus setze ich mich ganz hinten hin, weil das für den Weg zum Bahnhof am schnellsten ist. Ich laufe die paar Meter zur S-Bahn.

Die S-Bahn ist mir unangenehm. Sie versprüht in mir das Gefühl, sie halte sich für etwas Besseres: DIE S-Bahn. Sie riecht unangenehm und irgendwie ist sie wie ein Uhrwerk pünktlich. Ich brauche drei Stationen, dann bin ich in der Stadt und am Hauptbahnhof. Hauptbahnhöfe sind teils wunderbare Bauten. Besonders gefallen mir jene, welche genietete Stahldächer mit Glasscheiben haben, hohe Bögen, welche mir die Stimmung von James Bond vermitteln - immer noch.


Für mein Wesen sind Menschen an Bahnhöfen eine Herausforderung. Jeder läuft im Zielmodus, so dass man möglichst keinen anderen sieht noch wahrnimmt. Jemanden beachten ist in einem Hauptbahnhof nicht zu erwarten. Für mich ist das hektisch und von viel Rücksichtslosigkeit, die mir nicht gut tut. Damit ich mich davor etwas bewahren kann, bin ich regelmässig zu früh vor Ort.

Es mag erstrebenswert sein, durch viel Abwechslung den eigenen Tag zu bereichern. Mein Sehnen besteht jedoch darin, mit weniger das Leben zu geniessen. Das ist heute nicht einfach, das Leben in Einfachheit zu gestalten. Das Konditionieren des Daseins ist ein riesen Geschäft, alles komplex, variantenreich und reguliert gestaltet, ich muss also dringend genau wissen, was für einen Kaffee ich bestellen möchte und was alles in mein Eingeklemmtes soll, welches sich heute 'Sub' nennt. Ich bin hierfür oft überfordert.


Um Momente der Einfachheit zu finden, so meine ich für mich, muss man diese 'entdecken'. Man muss 'Etwas' vielleicht mehrfach frequentieren, um zu merken, dass dieses Etwas seine eigenen Qualitäten hat und dass man diese, aus welchen hervortretenden Gründen, schätzen lernt.


Es schien heute die Sonne. Ich war meine dreissig Minuten zu früh. Dreissig Minuten zur früh zu sein, gibt mir das Gefühl, nächstens einen Zug zu besteigen, welcher über die Grenzen hinaus unterwegs sein wird, die Stimmung verbreitend, das Fremde beginne auf der ersten Wagenstufe.


Ohne es anfänglich zu merken, begann ich immer öfter, meine Taschen in Blickweite hinzustellen und den Bahnsteig an sein Ende hinunter zu laufen. Manchmal steht noch ein Zug und der fährt dann aufs Mal ab. Ich schaue dem rollenden Tross zu, höre seine Beschleunigung und bewundere die Bögen, welche der Zug zeichnet, wenn er in den Geleisen mit seinem Schlusslicht verschwindet. Dann ist der Bahnsteig leer und es liegt da ein Horizont.


Ich stehe am Ende meines Bahnsteigs. Dort ist kein Dach mehr, der Himmel ist unerwartet weit. Es ruht oder windet, es regnet oder es scheint mich die Sonne an. Niemand sonst da. Keine Kofferwalzen, keine Kinder, niemand raucht, kein Handy. Ich stehe auf Gleis 14 am Ende und da ist nichts. Selbst eine Lautsprecherdurchsage, welche über den einfahrenden Zug informiert, klingt verloren, als spräche die Stimme ins 'off'.


Nächste Fassaden und Werbebotschaften sind weit weg. Züge, auch nah gelegene, fahren in die Bahnhofshalle an mir vorbei. Keine Passanten. Kein Mensch. Ich setze mich auf die Bank, die leer ist, mein Gepäck bei mir, als weilte ich ob einer Klippe, einer Landzunge, einer Bergspitze, Steg mit Aussicht. Am Enden meines Bahnsteigs habe ich freie Sicht. Alles ist weit weg, nichts drängelt, Wind kühlt, es riecht hier frischer.


Gedanken entstehen in Bildern von Leuchtschriften, von Häusersilhouetten und dem Löwenzahn, der es nicht lassen kann. Wenn es verwegen wird, flitzt eine Maus den Geleisen entlang und ich finde wo einen Zwanziger. Am Ende meines Bahnsteigs fühle ich mich .. aufgeräumt.


In dieser Brache von Weite und Dünnem, von Entfernung und Endlichkeit, sitze ich zu früh auf meiner Bank und sonne mich, entspannend, Gedanken verlierend und irgendwie milde blickend, wenn der Schnellzug der Deutschen Bahn auf mein Gleis einfährt, rollend zum Ende, dort wo es heftig lebendig ist, in der Halle, wie beschrieben. Bei mir doch, da ganz hinten, trete ich, nach feinem Alleinsein unter Himmels Dach, Erbauung aus dem Weiten, auf dessen erste Wagenstufe.


Text von Jona Jakob, Juli 2012 - Copyright Jona Jakob ©

Auch bei Zeitzug.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Nachmittagssicht

Bei mir gibt es eine Aussicht. Es liegt da der Main zwischen den Ufern blattloser Büsche. Seine schlammtönerne Kälte wirkt. Gegenüber ist Bayern, was ich stets komisch finde. Dort liegen Felder, da kein Baum die Sicht darauf verdeckt. Schwemmland. Erst weiter hinten folgt etwas Industrie und dahinter erheben sich am Horizont die Weinberge des Spessart. Heute liegt Schnee und über allem steht in Grau der Himmel.

Der Blick ist jener auf ein historisches Landschaftsbild, gemalt in tristem Öl und schwer gerahmt, fast bürgerlich und etwas aus der Zeit. Über die Felder ziehen, je nach Jahreszeit, Tiere. Ein Rehpaar und ein Fuchs heben sich im Winter gut gegen das Weiss des Schnees ab. Kormorane balzen. Und Rammler prügeln sich die Pfoten um ihre langen Ohren, wenn es Frühjahr wird. Hunde und Pferde werden von Menschen getrieben. Die passen nicht wirklich ins Daliegende. Sie wirken zielstrebig und das strahlt die Landschaft nicht aus. Sie strahlt nichts Nennbares aus. Sie liegt einfach da und das scheint es zu sein, womit sie mich erreicht.

Ab und zu kreuzt ein Frachtkahn auf dem Main durch das Bild. Leise und stoisch fährt so ein Pott an den Rhein oder ins Schwarze Meer, was weiss ich. Die schiebende Bewegung des Kahns hebt dabei das Daliegende der Landschaft hervor - ein paar Wellen noch, dann scheint wieder alles wie zuvor.

Ich vergesse dann manchmal, dass jemand anrufen könnte und fahre zusammen.


Text von Jona Jakob, Dezember 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 13. August 2010

Nachtcafé

Er fühlte sich ganz wohl dabei, dass die Kaffeebar leer war und er sie ganz für sich alleine hatte. Die Bedienung war mit letzten Arbeiten beschäftigt, räumte Gerätschaften aus und rieb Gläser trocken. Tassen schepperten, Löffel klirrten. Er selbst nahm den Raum in sich auf, alles, was an Wärmen, Gerüchen, Lichtern und Eindrücken möglich war. Dann atmete er aus, während er den Streuzucker unter den Milchschaum rührte.

Er sass da und liess die Zeit sterben. Ihm war danach. Allein im Irgendwo. Ihm passte das und so schrieb er ein paar wenige Zeilen für sich. Die Eingangstür am Ende des Raumes ging kurz auf und ein athletisch tüchtiger young urban failure legte einen Stoss frische Tableauformate auf den Tresen, die 20-Min, die in jeder Stadt verteilt wurden. Kein wirklicher Lesestoff, das Kreuzworträtsel war ok.


Er hatte noch gute vierzig Minuten, bis er in die Nacht entlassen wurde. Das fand er wunderbar, genoss sein Vergessensein in der abgelegenen Ecke, schlurpte am Milchschaum rum. Da er kein ordentliches Papier bei sich hatte und ihm das karrierte Blatt vom Notizblock zu ernüchternd wirkte, hatte er sich in einer Glanzpostille eine Werbeanzeige mit grossen und leeren Hintergrundflächen gesucht. Jetzt schrieb er Zeilen um die Taille einer Ikone.

"Fleur, wie mag es dir gehn? Leise die Tage, schwankend, von Wellen getrieben. Wenn ich schreibe und meine Brust dabei erhitzt, gibt es sich, dass ein Hauch von Dir hochzieht und sich verflüchtigt. Es ist mein Glück, dass du dir den Pulli geschnappt hattest, damals an jenem Dienstag, als wir auf den Zug warteten. Hauch, in wenig Zeit geh ich in die Nacht - adieu, ich begleite Dich zu jeder Zeit des Tages."

Es quitschte eine Tram am Haus vorbei. Es war draussen etwas kühler und vorallem war da jenes späte Gefühl, das in ihn heimkehrte, wenn in der Nacht der Moment entsteht, wo er für sich meinte, alles stünde langsam still. Den Wagen starten, folgend dem, was die Lichtkegel hergaben. Nicht links, nicht rechts. Vielleicht einen Mundwinkel hochziehen, wenn Chris Isaak gespielt wurde.

Text von Jona Jakob, August 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Freitag, 30. Juli 2010

Heiniger

Heiniger hatte getan, was von ihm verlangt wurde. Es war als Bub zur Welt gekommen, hatte nie geweint, kannte als Indianer keinen Schmerz und absolvierte Pfadi und Turnverein wie seine Schulen. Weil das Gymi dem familiären Anspruch entsprach, schaffte er seine Matur und da der Vater darauf was hielt, studierte er Rechtswissenschaften in St. Gallen. Er war ein Dr. jur. HSG, international vernetzwerkelt, bestens ins OBNW integriert und auch im Militär hatte er es bis zum Oberst geschafft. Kurz: jede mittelständische Bank riss sich um ihn und dann war da Lisa, dünn, lapprig, willfährig und heiratswillig. Sie passte zu ihm und er passte zu ihr. Jedenfalls sahen das die beiden Familien damals so. Heirat, Kind, Haus, zweites Kind, Eintritt in die Anwaltskanzlei von Matt, Bärlocher und Partner... - es sah für alle anderen wirklich gut aus.



Text von Jona Jakob, Juli 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Mittwoch, 14. Juli 2010

Herbstmilde

Manchmal gibt es Momente, wo einem die Dinge, die Geschehnisse und Begegnungen weich vorkommen, langsam und rücksichtsvoll. Man spürt förmlich, dass man nicht übergangen wird. Da ist ein Fragen, ein Anklopfen, ein Platzmachen. Und dann entsteht ein Beisammensein, welches sich im Gegenseitigen nährt und sich vertraut. Manchmal entsteht aus dem Nichts ein Dialog, ein Tauschen. Manchmal scheint die Sonne dann tagdrauf im weichen Maisgelb ihres Herbstes. Die gewählte Musik ist leiser, langsamer, klanglich tiefer.

Man ruht in sich selbst, den Kopf leicht schief, das kleine Vermögen an Demut zu unterstreichen und ein Lächeln als Anteil am Glück. Tiere schleichen sich an und Kinder müssten sich heranlegen und einschlafen. Man ist satt wie ein Blütenstempel, klebrig,  fruchtsam, nahrvoll und duftend und ist da, komme wer da möge.Das gibt einem eine Tasse Tee, ein offenes Fenster, ein sanftes "Hallo" und ein Verstehen, das nicht gleich schon reden muss. Es fliessen Hände.


Text von Jona Jakob, Juli 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Donnerstag, 11. Februar 2010

Eisener Steg

Es war beider winterliche Kleidung, welche bemühte Handgriffe tumb machte. Es gelang nicht wirklich, einzelne Finger, den Daumenballen oder die Handinnenflächen als Zärtlichkeiten anzudrücken, zu dick die Schichten an Pullovern, Jacken, Übermänteln. So standen sie im Wind einer Hängebrücke Mitte und sahen nirgendwo sonst hin, ausser kleinwenig in des andern Haar oder Ärmel hinein, den Blick nah und die Lichter am Horizont verschwommen. Passanten sahen kurz rüber, schwiegen aber. Vielleicht wurde etwas von der Ausdrücklichkeit spürbar, mit welcher sich die beiden in der Umarmung lagen. Es verging eine Stunde oder zwei, ihnen war's egal. Keiner fror oder war innerlich sonst wo, ausser eben in diesem Gefühl des andern, dem er zuvor begegnet war und den er nun nicht kannte. Ein Kohleschiff schipperte unter dem Gehsteg vorbei. Da schlich sich ihm das Klischee ein, bei der Löschung umklammert in Totenstarre gefunden zu werden, wäre ... -"Vergiss'!"


Text von Jona Jakob, Februar 2010 - Copyright Jona Jakob ©

Mittwoch, 5. August 2009

Reife ist so eine Qualität ...

"Und wie wäre es mit einem kleinen Kuss, nachdem ich frisch aus der Dusche komme?"

Es wäre in einem gewissen Sinn hygienisch ... aber die guten, delikaten, von Kennern erstrebten Köstlichkeiten sind nicht wirklich aus abgeseifter Hygiene zu gewinnen. Sie sollen nicht verdorben sein oder gar unhygienisch, aber z.B. Reife kann so eine Qualität sein, die einem Liebhaber mehr zuträgt, als jede Frische.


Text von Jona Jakob, August 2009 - Copyright Jona Jakob ©